Thema: Flucht und Migration: Probleme in Flüchtlingslagern - 06/2020

Aus Tansania Information
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Die großen Lager

Tansania unterhält zur Zeit drei große Flüchtlingslager in der Kigoma-Region: Mtendeli (32.000 Burunder), Nduta 73.0000 Burunder) und Nyarugusu (Kapazität: 50.000, 2019 belegt mit 152.000 Kongolesen). Sie werden von der Flüchtlingsabteilung des Innenministeriums und dem UNHCR verwaltet. Insbesondere 2017, als die Lager mit 320.000 Personen überbelegt waren, kam es zu verbreiteten Erkrankungen der Atem- und Verdauungsorgane sowie Haut- und Malaria-Erkrankungen.

Das Welternährungsprogramm (WFP) hilft den Lagerinsassen mit angereichertem Getreide oder Mais, Erbsen, Speiseöl und Salz. Schwangere, Stillende, Kinder und Kranke erhalten zusätzliche Rationen. Frankreich und Kanada finanzierten Programme, die den Empfängern teilweise Geld (über Telefon-Transfer) statt Nahrungsmittel zur Verfügung stellten. Dieses Verfahren kam aber nicht über ein Pilotstadium hinaus, obwohl es die meisten Empfänger vorziehen würden.

Citizen01.02.;28.08.17; DN 20.08.18; Guardian 03.04.18

Probleme durch Geflüchtete

Die Flüchtlingslager bringen den umgebenden Ortschaften erhebliche wirtschaftliche Vorteile: Devisenzuflüsse durch Hilfsgelder, verbesserte Wasser- und Stromversorgung auch im Umfeld, verlässliche Absatzmärkte für Nahrungsmittel und Arbeitsplätze in der Verwaltung. Es gibt aber auch Probleme.

CCM-Sprecher in der Kigoma-Region äußerten sich besorgt über die hohe Geburtenrate in den Flüchtlingslagern. In jedem der drei großen Lager würden monatlich 600 Kinder geboren. Man müsse damit rechnen, dass diese Kinder später die tansanische Staatsangehörigkeit und Landrechte fordern werden. Ein Staatssekretär im Innenministerium erklärte, man bemühe sich bereits um eine beschleunigte Repatriierung der burundischen Flüchtlinge.

Nachdem die Wälder in der Nähe der Lager stark dezimiert sind, müssen Mädchen und Frauen auf der Suche nach Feuerholz bis zu 10 km zurücklegen, wobei sie oft Belästigungen ausgesetzt sind. Der UNHCR sucht daher nach Finanzierungen für sparsame Holzkohle- und gas- bzw. solarbetriebene Kocher.

DN 06.,08.01.20; Guardian 13.05.20

Gesundheit

Alle großen Lager verfügen über ein Krankenhaus und mehrere ambulante Stationen (dispensaries). Dennoch sind infolge der beengten Wohnverhältnisse ansteckende Krankheiten wie Durchfälle, Tuberkulose, AIDS oder Malaria verbreitet. „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) wiesen darauf hin, dass auch das Corona-Virus unter den Lagerbedingungen und bei vielen Vorerkrankungen besonders gefährlich und nicht beherrschbar sei. MSF betreibt im Lager Nduta ein Hospital mit 150 Betten und vier Gesundheitszentren.

MSF berichtet über zahlreiche Fälle von psychischen Erkrankungen in Lagern, wobei 2/3 Frauen beträfen. Am häufigsten träten auf: Depression (30% der Patient/innen), Angststörungen (28,5%) und Traumata (11%). 7,3% litten unter schweren Psychosen. Ursächlich seien die prekären Lebensumstände, die ständige Ungewissheit und konstanter Druck, das Land zu verlassen.

Die Aufnahme neuer Flüchtlinge wird unter Gesundheitsaspekten sehr strikt gehandhabt, Viele wurden zuletzt als „illegale Einwanderer“ eingestuft und zurückgewiesen. Lager-Bewohner dürfen ihr Camp nicht verlassen. Der Regionalkommissar von Kigoma ordnete an, die Lager streng zu bewachen und allen, die ausbrechen, den Flüchtlingsstatus zu entziehen.

Citizen 09.10.17; Guardian 04.04.20; MSF 16.04.20

Kriminalität

Der Regionalkommissar von Kigoma wies auf sich häufende Raubüberfälle und Entführungen hin und brachte sie in Zusammenhang mit den großen Flüchtlingslagern in der Region.

Im April 2020 tötete die Polizei in Kigoma sieben Bewaffnete, die eine Firma überfallen wollten. Man vermutet, dass es sich um illegale Ausländer handelte. Tansanische und burundische Sicherheitsbehörden vereinbarten enge Zusammenarbeit, um bewaffnete Banditen beiderseits der Grenze in Schach zu halten. Es ist naturgemäß schwierig, zwischen Banditen, Regime-Gegnern und Flüchtlingen zu unterscheiden. Allein 2017 wurden in der Kigoma-Region 5.608 illegale Feuerwaffen sichergestellt.

DN 11.03.19: Guardian 25.01.; 05.08.17; 18.04.20

Politische Aspekte

Die burundische Regierung, deren Präsident sich 2015 verfassungswidrig zum dritten Mal wählen ließ, sieht in der großen Zahl von Flüchtlingen in Tansania ihr Ansehen geschädigt. Sie fürchtet, dass geflüchtete Oppositionelle dort eine Rebellion vorbereiten. Tansania möchte den Anschein vermeiden, burundische Rebellen zu unterstützen. Guardian 26.08.19

Unterstützung, Finanzierung

Die großen Lager werden vom UNHCR durch internationale Spenden unterhalten. Zeitweilig gab es Spannungen, als von August 2017 bis Oktober 2018 die Nahrungsmittel-Rationen des Welternährungsprogramms auf 62% der Norm von 2.100 Kcal / Tag gekürzt werden mussten. Der UNHCR-Haushalt für Tansania beträgt etwa $ 130 Mill. jährlich, 2018 brachten die Geber (wegen der Krisen in Bangladesh, Jemen und Syrien) nur $ 55 Mill. auf. Ab 2019 flossen die Hilfsgelder wieder reichlicher. Beispiele für bilaterale Hilfsprogramme:

  • Norwegen unterstützt das „Kigoma Joint Programme“ (KJP), das seit 2017 die Dörfer in der Umgebung der großen Flüchtlingslager wirtschaftlich fördert, um die Spannungen zwischen Geflüchteten und der lokalen Bevölkerung zu mildern. Das KJP fördert die Sektoren Gesundheit, Bildung, Wasser- und Stromversorgung, Landwirtschaft und Umweltschutz. Norwegen stärkt die KJP-Programme für Frauen, Kinder und Jugendliche.
  • England trug seit 2015 $ 43 Mill. bei und gab 2019 $ 6,4 Mill. für Bildung und Entwicklung in den Lagern der Kigoma-Region.
  • Dänemark stellte TZS 6 Mrd. / € 2,4 Mill. für Gesundheitszentren in der Nähe von Lagern und Siedlungen für Flüchtlinge zur Verfügung.
  • Deutschland trug seit 2017 € 39,2 Mill. zum UNHCR-Haushalt in Tansania bei. 2019 gab Deutschland zusätzlich TZS 57 Mrd. / € 22,8 Mill. für erneuerbare Energien und Gewaltprävention in den tansanischen Lagern.

Beim ersten „Globalen Flüchtlingsforum“ (GRF) im Dezember 2019 sagte die Weltbank $ 2,2 Mrd. für Infrastruktur-Investitionen in Flüchtlingslagern und deren lokaler Umgebung zu. Weitere Zusagen kamen von der Koordinationsplattform mehrerer Entwicklungsbanken für wirtschaftliche Migration und Vertriebene, darunter die Europäische Entwicklungsbank. Die Schweiz versprach $ 125 Mill., Kanada $ 50 Mill. für die Realisierung des Globalen Flüchtlingspakts der UN von 2019.

Citizen 09.02.19; Guardian 08.02.; 16.04.; 12.,14.12.19; HRW 20.09.19; Mwananchi 04.02.20