Schwerpunktthema Bildung: III Universitäten und Fachhochschulen: Herausforderungen - 09/2015

Aus Tansania Information
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Kritische Stimmen

Bis in die 1980er Jahre hatte Tansania zwei Universitäten und einige Fachhochschulen. Inzwischen gibt es 54 Universitäten, die meisten davon private, mit mehr als 200.000 Studierenden. Technische und pädagogische Hochschulen werden zunehmend in Universitäten umgewandelt. Dabei zeigt sich dieselbe Problematik wie beim stürmischen Ausbau der Sekundarschulen: es gibt bei weitem nicht genügend qualifizierte Hochschullehrkräfte. Experten befürchten daher, dass das akademische Niveau auf breiter Front absinkt. Sie geben zu bedenken, dass z.B. ein Lehrer mit schwachem Hochschulabschluss („degree“) weniger leistet als einer mit solider College-Bildung („certificate“ oder „diploma“).

Hinzu komme, dass die universitäre Bildung die Theorie betone, wogegen das Land in erster Linie praktisch erfahrene und kreative Fachkräfte benötige. „Nach 50 Jahren Unabhängigkeit können unsere Studierenden nicht einmal Zahnstocher herstellen, weil sie nicht zu innovativem Denken angeregt werden“ (ein Pädagogikprofessor).

Bei einer interdisziplinären Tagung kritisierte eine Professorin des Dar-Es-Salaam Institute of Technology, dass zu viele Forschungsergebnisse wirkungslos blieben, weil sie keine praktische Anwendung fänden. Eine Soziologin bemängelte, dass viele Modelle und Konzepte aus Industrieländern unverändert auf die tansanische Gesellschaft übertragen würden.

Der Interuniversitäre Rat der ostafrikanischen Gemeinschaft (IUCEA) meldete, dass mehr als 50% (Tansania: 61%) der Universitätsabgänger die Anforderungen des Arbeitsmarkts nicht erfüllen. Wegen fehlender analytischer und sozialer Kompetenz könnten sie ihre theoretischen Kenntnisse nicht in die Praxis umsetzen. Tansanier hätten in der Geschäftswelt geringere Chancen wegen dürftiger Englischkenntnisse, mangelnder Dynamik und Unselbständigkeit. Oft fehlten technische Grundfertigkeiten. Allerdings würden Jobs oft nicht nach den Fähigkeiten, sondern nach Beziehungen und ethnischer Zugehörigkeit vergeben. Vizepräsident G. Bilal forderte die Hochschulen auf, Job-Schaffende, nicht Job-Suchende zu produzieren. Die Hochschulen sollten nicht Wissen um seiner selbst willen vermitteln, sondern aktuelle Kenntnisse, die vom Arbeitsmarkt verlangt werden, besonders im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie.

Die Opposition forderte das Erziehungsministerium auf, drei Universitäten zu schließen. Die Kampala International University (KIU), die International Medical and Technical University (beide DSM) und die Saint Joseph University of Tanzania in Arusha genügten den akademischen Anforderungen des Landes nicht. Mit der KIU hatte der Nationale Rat für Technische Ausbildung eine Anpassung des Lehrplans vereinbart. Das Büro des Premierministers will die fraglichen Institute erneut überprüfen.

Citizen 19.05.14; DN 04.05.; 01.,24.07.15; Guardian 15.08.14; 28.02.; 07.04.; 01.07.; 09.08.15

Betrugsversuche

Die Universitätskommission wird mit einem speziellen Computerprogramm alle Abschluss-Arbeiten auf Doppelungen, Fälschungen und Plagiate prüfen. Fertige Dissertationen kann man zum Preis von TZS 400.000 bis 600.000 kaufen. Die Hochschulen müssten daher auf einer öffentlichen Diskussion und Verteidigung von Dissertationen bestehen. Eine Untersuchungskommission mit Beteiligung des Antikorruptions-Büros entdeckte an den meisten Unis Schwachstellen, die Betrug erleichtern. Die Uni DSM (UDSM) bezeichnete das Plagiats-Unwesen in TZ als schwerwiegend und führte eine Überprüfungs-Software ein. Sie informiert die Verfasser von Forschungspapieren, welchen Prozentsatz an Plagiaten ihre Arbeit enthält und fordert zur Korrektur auf.

Die Behörde für handwerkliche Ausbildung (VETA) überprüfte 1.200 Zeugnisse von Angestellten staatlicher und staatseigener Einrichtungen und fand 75 gefälschte VETA-Zeugnisse, die meisten (41) bei der Arbeitsagentur, die eigentlich routinemäßig Zertifikate überprüft. Ein VETA-Sprecher bemerkte stolz, die Zeugnisse seiner Behörde würden wegen des guten Rufes der VETA besonders gerne gefälscht.

Der nationale Examensrat schlug Alarm, nachdem innerhalb eines Jahres 1.360 Jobsucher mit gefälschten Zeugnissen aufgetreten waren. Dies sei nur die Spitze des Eisbergs; man müsse mit einem professionellen Fälscher-Syndikat rechnen. Originalzeugnisse müssten mehr Sicherheitsmerkmale erhalten, um Fälschungen zu erschweren.

DN 12.10.14; 22.07.15; Guardian 03.04.14; 25.02.15

Studienkosten und darlehen

Das Bildungsministerium führte ein Harmonisierungsprogramm für Studiengebühren an Universitäten ein (student unit cost). Damit sollen für vergleichbare Studiengänge an allen Hochschulen die selben Kosten anfallen. Es bleibt zunächst unklar, wie die Gebühren der privaten und der subventionierten staatlichen Universitäten angeglichen werden sollen. Naturwissenschaftliche Studiengänge sollen gebührenfrei sein. Experten befürchten, dass die Harmonisierungsbestrebungen die Gebühren eher steigern und damit auch die Zahl der Studienkredite verringern.

Die Behörde für Studiendarlehen (HESLB) hat seit 1994 TZS 1,8 Bill. (knapp € 1 Mrd.) als Studiendarlehen vergeben (nach anderer Quelle wurden TZS 177 Bill. ausgereicht und 60 Mrd. zurückgezahlt). Sie konnte nur 53% der ausgegebenen Kredite wieder eintreiben, womit sich die Chancen künftiger Bewerber/innen vermindern. In diesen 20 Jahren erhielten 212.237 männliche und 79.345 weibliche Studierende ein solches Darlehen. 76% der Kreditnehmer konnten ausfindig gemacht werden, erweisen sich aber als zögerlich beim Rückzahlen.

Die Behörde will versuchen, ihr Geld über Abzüge von Renten und Arbeitslöhnen, aber auch über Gerichtsverfahren und Veröffentlichung der Namen säumiger Zahler zurückzubekommen. Ein Gesetz ist in Vorbereitung, das die Rentenfonds verpflichtet, für den HESLB unbeglichene Studienkredite von über 40.000 ehemaligen Studierenden einzuziehen. Im letzten Finanzjahr erhielten mehr als 20.000 von etwa 58.000 Antragstellern keinen staatlichen Studienkredit. Studierende naturwissenschaftlich-technischer Fachrichtungen wurden bevorzugt.

Citizen 06.03.15; DN 12.03.15; Guardian 08.01.; 24.03.; 08.04.; 30.05.15