Schwerpunktthema: Alter – Pensionskassen: Alte Menschen und ihre Probleme - 05/2015

Aus Tansania Information
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Soziologische und wirtschaftliche Daten

Im Allgemeinen gilt in Tansania ein etwa 60-Jähriger als alter Mensch. Etwa 6% der Bevölkerung (2,5 Mill.) sind älter als 60 Jahre. Für 2050 erwartet man 8,3 Mill. Alte (etwa 10% der Bevölkerung). „Help Age International“ (www.helpage.org) untersuchte die Lebensqualität alter Menschen in 90 Ländern. Dabei belegt Tansania den letzten Platz. Auch unter den acht untersuchten afrikanischen Ländern liegt TZ am Ende der Rangliste 2013. Untersucht wurden die Bereiche Finanzielle Absicherung, Gesundheitszustand, Bildung und Arbeitsplätze, Befähigung zu selbständigem Leben.

Im ländlichen Bereich bereiten Geldwirtschaft und Verstädterung älteren Menschen Schwierigkeiten. Während früher die ältere Generation im Rahmen der Subsistenzwirtschaft einfach mit-ernährt wurde, fällt es heute der produktiven Generation schwer, ihren Senioren ausreichend Geld zur Verfügung zu stellen, denn die Einkommen decken kaum die Lebenshaltungs- und Ausbildungskosten. Die Situation verschärft sich nochmals, wenn die verdienenden Familienmitglieder weit entfernt in Städten leben. Viele müssen daher auch in fortgeschrittenem Alter arbeiten.

DN 29.10.14; Citizen 03.10.13

Altenheime

2013 wurden in Tansania 46 öffentliche Altenheime gezählt, davon 17 unter Leitung des Sozialministeriums. Sie haben durchschnittlich etwa 50 Bewohner/innen, meist kinderlose oder alleinstehende Menschen. Eine Studie von Studierenden der Sebastian Kolowa Universität zeigt, dass Heimbewohner/innen oft an Stimmungsschwankungen, Depression oder Demenz leiden. Viele benötigen psychologische Betreuung. Die „Vereinigung für Psychische Gesundheit“ (MEHATA) teilte mit, dass etwa 25% der Senioren psychische Probleme haben (Gesamtbevölkerung 7 bis 8 %). Es gibt noch kein Konzept für die psychologische Betreuung Älterer. Die Heime können auf psychische Leiden nicht eingehen. Wirklich hilflose Personen können in einem durchschnittlichen Heim nicht leben. Auch die Versorgung mit Nahrung und Wasser lasse viele Wünsche offen.

Bewohner eines Altenheims in Shinyanga mussten betteln gehen, um sich zu ernähren. Das Heim ist auf private Spender anwiesen, nachdem es keine verlässlichen Haushaltsmittel der Regierung erhält. Eine Bank spendete Nahrung und Kleidung. Im Januar 2015 erklärte das Sozialministerium, die Fürsorge für alte Bürger sei eine Priorität der Regierung.

Ein Lager für Alte, Lepröse und hilfsbedürftige Kinder im Manyoni-Distrikt / Singida kann kaum noch Lebensmittel auftreiben. Das Gesundheitsministerium hat seit 2011 die Lieferanten nicht bezahlt, so dass Schulden in Höhe von TZS 124 Mill. aufgelaufen sind. Auch der Gesundheitsdienst musste wegen fehlenden Personals und Medikamentenmangels eingestellt werden. Das Lager ist mit 148 Betreuten überbesetzt.

Guardian 18.11.13; 15.,26.10.14; 29.01.; 08.04.15

Tötung alter Menschen

Nach wie vor werden alte Menschen (Frauen und Männer) aus abergläubischen Motiven getötet, vor allem in den Regionen Mwanza, Shinyanga, Kagera, Dodoma, Mara, Geita und Tabora. Nach Unterlagen des Menschenrechtszentrums (LHRC) wurden 2013 765 Menschen, darunter 505 Frauen wegen angeblicher Zauberei umgebracht, meist von sogenannten Bürgerwehren.

Im März dieses Jahres wurden im Kongwa-Distrikt drei Personen wegen angeblicher Hexerei umgebracht. Im Serengeti-Distrikt töteten Dorfbewohner fünf Menschen, weil sie sie verdächtigten, eine Dürre verursacht zu haben. Die Regionalchefin von Dodoma wies die Bevölkerung darauf hin, dass sie selbst durch Umweltzerstörung die ausbleibenden Regenfälle verursache. Die Ernten könnten verbessert werden, wenn alle dürre-resistente Pflanzen anbauten. In Geita wurde eine 60-Jährige, im Bunda-Distrikt zwei 70-Jährige getötet, vermutlich ebenfalls aus abergläubischen Motiven.

Die Polizei in der Mwanza-Region teilte mit, wegen Tötung alter Frauen Verhaftete hätten ausgesagt, sie seien von „Zauberdoktoren“ beauftragt und mit Schutz-„Medizin“ versehen worden. Diese bezahlten TZS 100.000 bis 200.000 für eine getötete Person.

Citizen 06.02.15; DN 06.03.15; Guardian 12.05.14; 06.04.15

Vorschläge und Maßnahmen

Die Vereinigung der Traditionellen Heiler ermahnte ihre Mitglieder, von Schad-Zauber abzusehen und für ein friedliches Zusammenleben zu arbeiten. Sie sollten in ihrer Arbeit mehr eine Berufung als ein Geschäft sehen. Einige schädigten das Ansehen der Heiler, indem sie ihre Kunden aufforderten, alte Menschen zu töten.

Ein Kommentar des „Citizen“ bezweifelt, dass das offizielle Verbot der Zauberei (Februar 2015) etwas bewirkt. Notwendig sei konsequente Aufklärung der Zaubergläubigen, deren Anteil auf 70% der Bevölkerung geschätzt wird, obwohl fast alle einer monotheistischen Religion angehören. Auch (charismatische) Prediger seien nicht hilfreich, wenn sie abergläubische Tendenzen förderten, indem sie schnellen Reichtum und Macht über Dämonen, Hexen und Untote versprechen. Die Vereinigung tansanischer Anwältinnen meint, eine Kampagne für TZS 500 Mill. könnte die abergläubischen Vorstellungen beseitigen.

2003 verabschiedete Tansania eine „Nationale Alterspolitik“, um die UN-Richtlinien von 1982 über die Bedürfnisse alter Personen im 21. Jahrhundert umzusetzen (Teilhabe, Fürsorge, Selbständigkeit und Würde). Vor allem wollte man dabei die Armut der Alten reduzieren, ihre Gesundheitsversorgung sichern und ihre gesellschaftliche Teilhabe verbessern. Bisher wurde davon kaum etwas verwirklicht.

Der Sozialminister sagte wiederholt, zuletzt im März 2015, ein Gesetzentwurf über kostenlose soziale Dienste für Ältere sei in Vorbereitung. Auch eine generelle Altersrente (beitragsunabhängig) sei geplant, ihre Finanzierung jedoch noch nicht geklärt. Ministerielle Delegationen besuchten Kenia, Uganda, Mauritius, Indien, Thailand und Indonesien, um einschlägige Erfahrungen zu sammeln. Einigkeit besteht darüber, dass Alte, die zum Betteln gezwungen seien, die Gesellschaft beschämen.

Seit 2013 erhalten bedürftige Senioren Hilfen aus dem Programm zur Armutsbekämpfung (TASAF III), zunächst jedoch nur in ausgewählten Regionen. Es wird bezweifelt, ob eine solche Unterstützung landesweit auf Dauer finanzierbar ist.

Die NRO „Tanzania Social Protection Network“ fordert, die Gesetze zum Schutz der Senioren zu modernisieren und, die bestehenden Regelungen auch umzusetzen. Es fehle am politischen Willen, die Rechte der Alten in der Gesellschaft zu wahren und auf ihre besonderen Bedürfnisse einzugehen, z.B. kostenlose medizinische Behandlung, spezielle Warteräume in Kliniken, geriatrisch ausgebildete Ärzte, Medikamente für altersspezifische Erkrankungen, Hilfen in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Zwei Distrikte in der Kagera-Region gaben etwa 1000 Versicherungskarten für kostenlose medizinische Behandlung an alte Bürger/innen aus. Die Region zählt offiziell 135.000 Alte. Nur drei Krankenhäuser haben bisher spezielle Schalter für ältere Patienten eingerichtet.

Die pensionierten Mitarbeitenden des öffentlichen Dienstes im Kisarawe-Distrikt (Küstenregion) gründeten eine Vereinigung, um ihre Erfahrungen an die jüngere Generation weiterzugeben. Sie veranstalteten Kurse u.a. zum Landverteilungsgesetz, zu Staatsausgaben und zur neuen Verfassung.

Die NRO „Saidia Wazee Karagwe“ (Altenhilfe) informierte 5.700 Senioren über ihre Rechte und wie sie diese einfordern können. Mit Förderung durch USAID und PACT Tanzania (www.pactworld.org/country/tanzania) berät und unterstützt die Organisation vor allem ältere Frauen, die ihre Enkel aufziehen, nachdem deren Eltern an AIDS gestorben sind. 200 Dachbleche wurden verteilt, 198 Häuser für Bedürftige errichtet. Dabei stellt Saidia Wazee die Materialien und die Dorfgemeinschaft die Arbeitskraft. Zusammen mit der Organisation „Tuwalee pamoja“ (Kinder gemeinsam aufziehen) wurden für 201 Kinder Geburtsurkunden beschafft und für 306 Waisen eine Krankenversicherung.

Die Stiftung „Tushikamane Pamoja“ (Gemeinsam solidarisch sein) bemüht sich, alten Bürgern zu Wohnungen zu verhelfen. Bei einem Benefiz-Essen in DSM wurden dafür TZS 161 Mill. gespendet.

Die NRO „Helpage“ (in TZ seit 1993) setzt sich in Gesprächen mit der Regierung für eine beitragsfreie Pension und kostenlose Gesundheitsdienste für alle Alten ein. Sie klärt über abergläubische Vorstellungen auf, die alte Frauen gefährden und gewährt Rechtsbeistand z.B. für Witwen. Ihr Internetportal (www.helpage.org/where-we-work/africa/tanzania/) listet viele Hilfs-Initiativen für Senioren in TZ auf.

Helpage International wird in der Mwanza-Region eine umfangreiche Kampagne zum Schutz alter Frauen durchführen. Rechtskundige Laien, lokale Behörden, Gemeinden und zivilgesellschaftliche Organisationen klären die Bevölkerung über abergläubische Konzepte und die Betroffenen über ihre Rechte auf. Man will Vereinigungen alter Frauen fördern und Sprecherinnen ausbilden. Das Projekt soll zwei Jahre lang laufen und wird von der EU mit € 300.000 finanziert („Europäisches Instrument für Demokratie und Menschenrechte“).

Helpage bietet in 13 Distrikten Hilfen für alte Menschen an: Beratung in Rechts- Erziehungs- und Gesundheitsfragen, besonders für AIDS-Kranke und solche, die Erkrankte betreuen. 500.000 ältere Pflegepersonen wurden bisher betreut und über antiretrovirale Medikamente aufgeklärt. Da viele Alte nicht ansteckende Krankheiten wie Diabetes, Kreislaufschwächen, Krebs und Demenz auf Zauberei zurückführen, ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Auch sexueller Missbrauch von Kindern muss bei Alten immer wieder thematisiert werden. Zunehmend benötigen einsame Senior/innen Gemeinschaftsangebote wie Singen, Spielen und leichte Arbeiten.

Citizen 06.02.15; DN 29.10.14; 18.,21.03.; 09.04.15; Guardian 17.02.11; 13.06.; 26.08.; 27.12.13; 09.01.; 18.05.; 01.10.14; 04.01.; 20.03.; 06.,09.04.15; News24 Tanzania 21.10.14; Pesa Times 20.09.13; Thomson Reuters Foundation 16.04.15