Schwerpunkt: Bildungswesen I: Neue Bildungspolitik vorgestellt - 07/2015

Aus Tansania Information
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Wichtige Punkte

Im Februar stellte Präsident Kikwete die neue Bildungs- und Ausbildungspolitik Tansanias vor. Sie soll durch eine hochwertige Schulbildung zur Selbständigkeit erziehen und für den Arbeitsmarkt fit machen. Wichtige Punkte darin sind:

  • Alle Kinder im Alter zwischen 3 und 5 Jahren besuchen für mindestens ein Jahr eine Vorschule (verpflichtend).
  • Die Basis-Schulbildung beginnt im Alter von 4 bis 6 Jahren und soll alle Kinder in 10 Schuljahren bis zur Mittleren Reife (bisher Sekundarschule Form Four) führen. Die Abschlussprüfung nach der sechsten Jahrgangsstufe entfällt.
  • In den ersten beiden Schuljahren wird anstatt bisher sieben Fächern nur noch Lesen, Schreiben und Zählen unterrichtet. Kein Schüler soll in die 3. Klasse vorrücken, ohne diese Techniken sicher zu beherrschen
  • Die Basis-Erziehung konzentriert sich auf Kommunikationsfähigkeit, Lesen, Schreiben und Rechnen, sowie handwerkliche Kenntnisse. Überfrachtete Lehrpläne sollen entrümpelt werden.
  • Alle Lehrpläne werden überarbeitet mit dem Ziel, den Schülern praxisnahes Wissen und die Fähigkeit zu vermitteln, sich dem Arbeitsmarkt und dem Wettbewerb anzupassen.
  • Die naturwissenschaftlichen Fächer werden besonders gefördert
  • Das Lernumfeld soll verbessert werden, vor allem durch ausreichende Infrastruktur: Klassenräume, Wasser- und Stromversorgung, Toiletten und Lehrerwohnungen.
  • Der Besuch von öffentlichen Sekundarschulen soll ab 2016 gebührenfrei sein.
  • 2014 wurden 36.339 Lehrkräfte neu eingestellt. Nunmehr fehlen noch 26.946 Lehrer/innen an Primar- und 18.288 an Sekundarschulen. Jährlich werden 2.500 Junglehrer ausgebildet.
  • Auf allen Ebenen bis zur Universität soll Kiswahili als Unterrichtssprache dienen. Englisch soll jedoch weiter als zweite Sprache gelehrt werden. Beide Sprache sollen besser als bisher vermittelt werden.
  • Alle Schulen sollen einheitlich ein Lehrbuch für das jeweilige Fach verwenden. So sollen Prüfungsergebnisse vergleichbarer werden. Jeder Schüler wird sein eigenes Buch im jeweiligen Fach haben. Die Bücher für Standard 1 und 2 wurden bereits ausgeliefert.
  • Privatschulen sollen die gleichen Bücher verwenden wie öffentliche Schulen. Ihre teilweise exorbitanten Gebühren sollen reguliert werden.

Die neue Bildungspolitik muss noch als Gesetz formuliert und in Aktionspläne umgesetzt werden. Citizen 12.01.; 13.,14.02.15; Guardian 18.11.14; 20.04.; 15.05.; 07.06.15;

Kritische Stellungnahmen

Lehrplan-Experten der UN begrüßten die Erweiterung der Basis-Bildung auf 10 bis 11 Schuljahre. Dies verwirkliche das „Basic Education in Africa Programme“.

Bildungs-Fachleute kritisierten, dass die neue Bildungspolitik nicht in Fachkreisen und der Öffentlichkeit diskutiert werden konnte. Sie könne daher nur als Entwurf für weitere Entwicklungen dienen.

Kommentatoren betonen, es helfe nicht weiter, immer neue Bildungskonzepte zu entwerfen; vielmehr müsse irgendein Konzept solide finanziert und entschlossen verwirklicht werden. Solange Klassen überfüllt sind und Schulbänke, Wasser, Elektrizität und Latrinen fehlen, brächten auch neue Labore keinen Fortschritt. Das Versprechen eines Laptop für jeden Schüler sei unrealistisch, solange nicht einmal jedes Kind seinen Maisbrei erhält.

Kritisiert wurde auch, dass die Zielsetzungen sehr allgemein formuliert und kaum konkrete Strategien zu erkennen seien. Auch fehle ein Zeitplan für die Umsetzung. Akademische und berufliche Bildung, darunter auch die Lehrerbildung, sei kaum einbezogen.

Die Business Times hält die geplante 10-jährige Grundschule in erster Linie für ein Wahlkampf-Manöver, das das Arbeiter- und Bauern-Image der regierenden CCM unterstreichen soll. Sie befürchtet ein weiter sinkendes Bildungsniveau, wenn diese Schulen von den lokalen Behörden geführt und beaufsichtigt werden. Diese seien bisher besonders durch finanzielle Unregelmäßigkeiten hervorgetreten. Die Finanzierbarkeit des Projekts erscheine fraglich angesichts der immensen Schulden des Staates bei seinen Lehrern.

Die Abschaffung der Schulgebühren entlastet die Familien nur teilweise, da sich die vielfältigen sonstigen „Schulbeiträge“ zu hohen Kosten summieren. Laut Tanzania Education Network kann man nicht von kostenloser Schulbildung sprechen, solange die hohen „Beiträge“ bestehen bleiben.

Vor allem aus Universitäten wurden Bedenken gegen Kiswahili als ausschließliche Unterrichtssprache geäußert. Bereits heute könnten sich viele nicht angemessen auf Englisch ausdrücken. Dies würde sich mit der neuen Sprachpolitik nochmals verschlechtern. Die Verfechter des Englischen als Unterrichtssprache befürchten kulturelle und wirtschaftliche Isolation sowohl in Ostafrika als auch weltweit, falls die Beherrschung des Englischen weiter abnimmt. Ferner wüchsen die Kinder der Elite ohnehin mit Englisch als Schulsprache auf, so dass die auf Kiswahili Beschränkten mehr und mehr eine Bildung zweiter Klasse erhielten.Business Times 21.02.15; Citizen 13.01.; 09.,18.03.; 22.,29.03.15; Guardian 20.04.; 03.04.; 14.,15.05.15;

Projekte und Maßnahmen

Die amerikanische Entwicklungsagentur USAID stellt für 1.800 Waisen und benachteiligte Jugendliche Stipendien bereit, mit denen sie eine Berufsausbildung machen können. USAID stellt ebenfalls 2.500.000 Schulbücher für Biologie, Chemie, Mathematik und Physik zur Verfügung. Daher verfügen jetzt je zwei Schüler über ein Lehrbuch. Die Texte wurden von tansanischen Experten verfasst.

Der „British Council“ führte in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium in 500 Sekundarschulen erfolgreich seinen neu entwickelten „Baseline“-Kurs durch. Dabei lernen Sekundarschul-Anfänger in sechs Wochen auf aktive Weise Englisch als Unterrichtssprache zu verwenden. Die Lehrkräfte erhalten eine gründliche methodische Einführung.

Die Vodafone Stiftung entwickelte ein „Sofort-Klassenzimmer“, auch „Schule in der Kiste“ genannt, für entlegene Schulen, besonders in Flüchtlingslagern. Es enthält einen Laptop, der mit 25 Tablets vernetzt ist, sowie Projektor, Lautsprecher und Stromquelle. Zusammen mit der UN-Flüchtlingsorganisation wurde in dem riesigen Lager Dadaab / Kenia ein Lernprogramm entwickelt und dort mit 18.000 Kindern erfolgreich erprobt. Es soll in den nächsten Jahren etwa 40.000 Flüchtlingskindern in Ostafrika zugute kommen.

56 entlegene Schulen werden mit dem solar-betriebenen „Pi-oneer-Lernsystem“ von „Powering Potential“ (www.poweringpotential.org) ausgestattet. Dabei vermittelt ein winziger Raspberry-Computer (www.raspberrypi.org) digital gespeicherte Lerninhalte über Projektor oder Fernsehschirm.

Citizen 20.05.15; DN 26.02.; 02.03.15; Guardian 14.05.; 04.06.15;

Prügelstrafe umstritten

Ein Sekundarschüler im Kiteto-Distrikt starb, nachdem er 12 Stockschläge von drei Lehrern wegen einer schlechten Kiswahili-Arbeit erhalten hatte. Menschenrechtsorganisationen und Vertreter des „Tanzania Education Network“ bedauerten, dass viele Eltern, Lehrer und lokale Verantwortliche noch immer an der traumatisierenden und demotivierenden Strafe festhalten. Sie forderten die Regierung auf, Körperstrafen wieder (wie früher) zu verbieten. Vor einigen Jahren ließ der Kagera-Distrikts-Chef sogar 19 Lehrer wegen schwacher Leistungen mit dem Rohrstock schlagen. Dies führte zu lebhaften Diskussionen über demütigende Strafen und das Schulschwänzen aus Angst vor derartigen Bestrafungen.

Citizen 24.04.14; DN 29.01.14

Investitionen

Im Rahmen des neuen „Programme for Results“ gewährt die Weltbank Tansania über die kommenden vier Jahre einen Kredit von $ 122 Mill., um die Lernbedingungen an Grund- und Sekundarschulen zu verbessern.

Das Programm zur Qualitätssteigerung im Bildungswesen (EQUIP-T) wird von Großbritannien über vier Jahre mit $ 60 Mill. unterstützt. Es trainiert Grundschul-Lehrkräfte in modernen Arbeits- und Verwaltungsmethoden.

Die „Global Partnership for Education“ stellt im nächsten Finanzjahr (ab Juli) $ 100 Mill. für die Unterstützung der Grundfertigkeiten (Literacy and Numeracy Education Support) bereit. Alle Bezirks-Bildungsbeauftragten sollen ein Motorrad erhalten und die Schulen ihres Bereichs regelmäßig inspizieren. Sie müssen in Zukunft einen Hochschul-Abschluss vorweisen. 45 Fahrzeuge für Distrikts-Beauftragte werden beschafft. Alle Lehrpläne will man revidieren und regelmäßige Fortbildung für die Lehrkräfte anbieten.

Die Region Dodoma reservierte TZS 500 Mill., um die besten Sekundarschulen und -Lehrer zu belohnen und zu motivieren.

Citizen 12.07.14; DN 14.,16.04. 05.05.15; Guardian 09.06.14; Sabahi 09.06.14;

Lehrkräfte, Aus- und Fortbildung

Im Mai 2015 wurden 31.056 neue Lehrkräfte an ländlichen Primar- und Sekundarschulen angestellt. Damit kommen nun durchschnittlich 45 Schüler/innen auf eine Lehrkraft. Bisher war das Verhältnis in einigen Regionen wie Tabora bis zu 1:270. Tausende von ausgebildeten Lehrern, die seit zwei Jahren auf Beschäftigung gewartet hatten, erhielten damit eine Anstellung.

Alle Lehrkräfte an Grund- und Sekundarschulen müssen in Zukunft ein Diplom haben. Die einfache Ausbildung in Lehrerseminaren (certificate) wird eingestellt. Inhaber dieses Abschlusses müssen sich in speziellen Colleges bis zum Diplom weiterbilden. 98 private Lehrerseminare müssen daher schließen oder eine andere Orientierung finden. Der Generalsekretär des Privatschul-Verbandes kritisierte diese Entscheidung. Sie sei rein politisch motiviert und zum Nachteil des Erziehungswesens. Die Seminar-Ausbildung war zwar eher praxisorientiert, hatte aber keinen guten Ruf, weil ihre Studenten teilweise nur eine schwache Vorbildung mitbrachten.

Das Tanzania Institute of Education hat ein Rahmenwerk für Lehrkräfte der 1. und 2. Grundschulklasse entwickelt. Damit sollen zu Beginn der Schulkarriere solide Grundlagen in Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt werden. Man hofft, damit bis 2017 den Prozentsatz der Schüler, die diese Fertigkeiten gut beherrschen, von 8 auf 17% zu steigern. Die Rate der Erfolglosen soll von 40 auf 35% sinken.

Die Erziehungsbehörde (Tanzania Education Authority) führt ein „Student Teacher Enrichment Programme“ für 18.015 Lehrkräfte durch. Damit will man vor allem solide Grundkenntnisse in Englisch, Kiswahili und Mathematik bei allen Schülern erreichen. 420 Ausbilder werden die Kurse begleiten.

Die Uni Dar-Es-Salaam führt in Zusammenarbeit mit dem British Council einen viermonatigen Intensivkurs für 100 Sekundarschul-Lehrkräfte durch. Der British Council unterstützt auch etwa 500 Schulpartnerschaften zwischen tansanischen und englischen Schulen.

Auf Verlangen des Privatschul-Verbandes (Tamongsco) will sich das Bildungsministerium darum bemühen, die Gebühren für die Arbeitserlaubnis für Lehrkräfte aus der Ostafrikanischen Gemeinschaft zu senken. Sie beträgt derzeit $ 2.500. Der Verband spricht von 26.000 fehlenden Lehrern, vor allem für Mathematik, Naturwissenschaften und Englisch. Er verlangt, die Gebühr ganz abzuschaffen. Auch von Entwicklungspartnern finanzierte Lehrkräfte sollten eine kostenfreie Arbeitserlaubnis bekommen. Die langen Wartezeiten auf Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis zwängen manche Privatschulen dazu, illegale Einwanderer zu beschäftigen.

Viele Lehrkräfte sind demotiviert, weil ihnen die Regierung hohe Beträge an Gehalt, Zulagen und Entschädigungen schuldet. Die Lehrer hatten im laufenden Finanzjahr Nachforderungen in Höhe von TZS 57 Mrd. angemeldet, wodurch ihre Gesamtforderung auf stolze TZS 283 Mrd. anstieg. Das Erziehungsministerium bestreitet allerdings viele dieser Forderungen. Sie müssten mit Hilfe des staatlichen Rechnungsprüfers verifiziert werden. Präsident Kikwete versprach bei einer Konferenz der Lehrergewerkschaft (TTU) auf der Ngurdoto-Lodge, ihre Probleme bis zur Wahl im Oktober zu lösen und sicher zu stellen, dass ihre Anliegen auch für die nächste Regierung Vorrang haben werden.

Citizen 28.04.15; DN 01.04.; 06.05.15; Guardian 19.10.; 11.,17.11.14; 18.,23.,26.02.; 28.05.; 10.06.15