Probleme, Rechte und Chancen der Viehhalter - 10/2012

Aus Tansania Information
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Streitigkeiten

Seit einigen Jahren, als die Regierung Viehhalter aus dem Mbarali- (Mbeya-Region) und dem Kilosa-Distrikt (Morogoro-Region) vertrieb und sie anwies, sich in einigen Gebieten der Küste- und der Lindi-Region niederzulassen, sind Zwistigkeiten zwischen Landwirten und Viehhaltern im Rufiji-Dis-trikt (Küsten-Region) an der Tagesordnung. Mindestens fünf Menschen kamen ums Leben, viele wurden verletzt.

Problematisch ist, dass keine Weidemöglichkeiten vorbereitet worden waren, und dass die Zahl der Rinder, die 50.000 betragen sollte, auf mehr als 300.000 angewachsen ist. Die Viehhalter gehören zum großen Teil zum Volk der Sukuma. Es heißt, die meisten seien arrogant. Oft schickten sie ihre Tiere in die Felder der Anwohner. (DN 21.5.12; Guardian 24.5.12; Citizen 21.5.12)

Seit April 2010 kamen etwa 2.630 Viehhalter mit 272.800 Rindern, 51,160 Ziegen und 20.120 Schafen in den Rufiji-Distrikt. Nach Schätzung des District Commissioner zerstörte das Vieh etwa 4.500 ha für Feldbau geeignetes Land. Die Landwirte werfen der Regierung vor, dass sie die Streitigkeiten nicht schlichtet. Auch die Viehhalter halten die Regierung für verantwortlich. "In unserem eigenen Land werden wir wie Flüchtlinge behandelt. Unsere einzige Sünde ist, dass wir nach Weideland und Wasser für unsere Tiere suchen", sagte ein Viehhalter. (AlertNet 12.6.12)

Laut Berichten aus einem Dorf des Rufiji-Distrikts (Küsten-Region) wurde ein Landwirt von zwei Hirten erschlagen, weil er sie daran hinderte, ihre Rinder in seinem Feld zu weiden.

Eine Gruppe von Landwirten suchte nach den Mördern, fand sie aber nicht. Da begannen die Landwirte, zur Rache alle Viehhalter, die sie fanden, mit traditionellen Waffen wie Pfeil und Bogen anzugreifen; sie steckten Häuser der Viehhalter in Brand. Als sie erfuhren, dass die beiden Hirten zum Verhör festgenommen worden waren, begab sich die Gruppe zur Polizeistation, forderte die Herausgabe der Verdächtigten, um "ihnen eine Lektion zu erteilen". Weil ihr Wunsch nicht erfüllt wurde, bewarfen sie Autos mit Steinen, blockierten eine Straße mit großen Steinen und Stämmen. Sie beschädigten eine Molkerei und betriebliche Anlagen der Viehhalter und schlachteten einige ihrer Rinder.

Einige Viehhalter verließen ihre Herden und rannten um ihr Leben. Einer sagte: "Die Lage ist hier sehr schlimm. Die Regierung sollte uns sofort helfen, mehr Polizisten schicken, dass sie die Landwirte in Zaum halten."

Ein Polizeihubschrauber und Fahrzeuge mit mehr als 80 Leuten der Sicherheitstruppe der Polizei wurden in das Gebiet entsandt. (DN 21.5.12; Guardian 24.5.12; Citizen 21.5.12; AlertNet 12.6.12)

Ein Repräsentant des Kilosa-Distrikts (Morogoro-Region) sagte: "Wir sind die Konflikte zwischen Landwirten und Viehhaltern leid." Er forderte die Verantwortlichen der Dörfer dieses Distrikts auf, dafür zu sorgen, dass kein Vieh ohne Genehmigung in ihr Gebiet kommt, damit es nicht wieder Streit zwischen Landwirten und Viehhaltern gebe. Diese hatten ihre Tiere frei herumlaufen lassen; ein großer Teil der Ernte war verwüstet worden. Wenn die Landwirte den Verlust beklagen, prahlen die Viehhalter, sie hätten genug Geld, um für die Verwüstung durch ihre Tiere zu bezahlen.

2009 hatten die Dorfräte die Regierung gebeten, das Vieh gewaltsam aus ihrem Gebiet zu vertreiben. (DN 3.9.12)

Für die Rechte von Landwirten und Viehhaltern

Eine Dachorganisation, die die Rechte der Landwirte und Viehhalter des Monduli- und des Longido-Distrikts (Arusha-Region) verteidigt, fordert die Regierung auf, dafür zu sorgen, dass die Bewohner beteiligt werden, wenn mit Investoren aus dem Ausland ein Vertrag abgeschlossen wird. Nur so könnten Streitigkeiten um Land geschlichtet werden; sie beträfen viele Teile der nördlichen Zone Tansanias. Die Rechte der Kleinbauern und der Viehhalter müssten geachtet werden.

Die Regierung wurde gedrängt, unverzüglich strikt gegen einen in Monduli ansässigen Investor vorzugehen. Es heißt, er habe giftige Flüssigkeit auf den Weiden versprüht; 20 Rinder seien deshalb verendet. (DN 22.5.12)

Schutz des Waldgebietes Loliondo II

Die Viehhalter von Loliondo (Ngorongoro-Distrikt, Arusha-Region) werden mit dem Schutz und der Bewirtschaftung des Forstgebietes Loliondo II betraut. Es gilt als äußerst wichtig für den Erhalt der Ökologie. Das Gebiet, 1950 festgelegt, liegt nördlich der Ortschaft Loliondo; in ihm entspringen die in den Serengeti National Park und in den Natronsee fließenden Bäche und Flüsse.

Die Nichtregierungsorganisation PALISEP koordiniert die Übergabe des Gebietes.

Der zuständige District Commissioner sagte, die Regierung vertraue darauf, dass sich die Maasai-Viehhalter bereitwillig für den Schutz der ökologisch sensiblen Waldgebiete engagieren. Während der letzten 50 Jahre habe die lokale Bevölkerung ihr traditionelles Wissen für den Erhalt des Schutzgebietes eingesetzt. Er betonte, die Viehhaltung sei für die Zukunft des Waldgebietes im Ngorongoro-Distrikt von großer Bedeutung, aber die Viehhalter müssten ihre Herden der Kapazität des Landes entsprechend verkleinern. Der Vorsitzende eines Dorfes sagte, obwohl einige Personen Genehmigungen beim Forstamt beantragten, sei das Schlagen von Bäumen und jegliche Rodung verboten. (Citizen 2.7.12)

Eintreten für die Rechte 'marginalisierter' Gesellschaften

Vertreter der nomadisierenden Viehhalter und der traditionellen Jäger und Sammler aus ganz Tansania starteten bei einem von der Pastoralist Indigenous Nongovernmental Organisation (PINGO) organisierten Treffen in Arusha ein Gremium, 'Katiba Initiative' (KAI) genannt; es soll sich bei der Vorbereitung einer neuen Verfassung für die Rechte und Interessen der 'marginalisierten' Gesellschaften einsetzen. Die KAI soll dem National Constitution Review Team helfen, die traditionellen Jäger und Sammler und die nomadisierenden Viehhalter, die in den abgelegenen Gebieten Tansanias leben, zu erreichen. Es wäre sonst wohl nie dorthin gekommen.

Die Vertreter der marginalisierten Gesellschaften fordern, die neue Verfassung möge anerkennen, dass nomadisierende Viehhaltung ein wichtiger Wirtschaftssektor Tansanias ist, und das den Viehhaltern gehörende Land von allen respektiert wird. Normalerweise werde es an ausländische Investoren verpachtet, wenn die Eigentümer es auf der Suche nach besseren Weiden und Wasser verlassen hatten. Das sei ihre Gepflogenheit, weil neues Gras wachsen können soll. Aber manche hielten das fälschlicherweise für Vernachlässigung des Landes; sie okkupierten es, was zu Konflikten führe. (Arusha Times 7.7.12)

Vieh für von Dürre betroffene Distrikte

Bei seinem offiziellen Besuch des Monduli- und des Norongoro-Distrikts (Arusha-Region) verteilte Präsident Kikwete 40.000 Rinder, Ziegen und Schafe an Familien, deren Tiere während der großen Dürre 2009 verendet waren; damals verlor die Region mehr als 700.000 Stück Vieh. Jede Familie soll vier Tiere bekommen. Im Februar 2012 hatte Kikwete das Hilfsprogramm im Longido-Distrikt gestartet.

Die zugeteilten Tiere sind höherwertig, denn man will den Viehhaltern helfen, die Rassen ihrer Tiere zu verbessern. Sie geben mehr Milch und halten Dürreperioden besser aus. (DN 3.8.12; Guardian 2.8.12; AlertNet 21.8.12)

United Nations International Day of the World's Indigenous People, 9. August

UNO und African Union (AU) beschlossen, zu Ehren der noch traditionell lebenden Völker der Erde einen Tag festzusetzen. In diesem Zusammenhang wurde in Dar-es-Salaam eine Foto-Ausstellung organisiert über das traditionelle Leben der Maasai. Für Menschen aus dem In- und Ausland ist die Ausstellung sehr interessant. In Tansania sind es die Volksgruppen der Maasai, Barabaig, Sukuma, Hadzabe u.a., deren Lebensweise sich von der anderer Gesellschaften unterscheidet. Ein Leiter des Flame Tree Media Trust betonte, die Regierung sei verantwortlich dafür, dass dieser Schatz bewahrt wird und man ihre Rechte achtet. Das Leben dieser Gesellschaften hat sich sehr verändert, weil man ihnen Land wegnimmt und ihr traditionelles Leben und Sammeln behindert wird. (DN 14.8.12: Citizen 13.8.12)

Bildung gefordert

Lowassa, ehedem Premierminister, drängt die Viehhalter, ihre Kinder in die Schule zu schickten, um in ihrem Gebiet die Entwicklung voranzutreiben. Nur so könnten sie mit anderen Gesellschaften, die ein höheres Niveau von Entwicklung erreicht haben, Schritt halten. Alles, was sie tun müssten, sei, ein Rind für bildungsmäßige Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Der Bischof der ELCT-Morogoro-Diözese bat die Regierung, sicherzustellen, dass bei den Viehhaltern auch die Mädchen formale Bildung bekommen. (Guardian 22.8.12)

Wirtschaftsunternehmen

Ein Verantwortlicher des Simanjiro-Distriktsrates (Manyara-Region) zollte der Firma Orkonorei Maasai Social Initiative (OMASI) Anerkennung dafür, dass sie in ihrem Distrikt in große wirtschaftliche Unternehmen investiert hat. Es handelt sich um Milch- und Fleischverarbeitung und Verpackung, Viehzucht, Pflanzen von Bäumen, effiziente Produktion von Holzkohle, von Agrosprit und Biogas, so wie um Aufbereitung von Honig. Die Firma verwendet lokale Ressourcen. Dank ihrer Produkte wurde der Distrikt bekannt. Ein Leiter der Firma betonte, OMASI sei ein geschäftsorientiertes soziales Unternehmen, dessen Aufgabe es sei, bei den Maasai die Armut zu verringern, Einkommensvielfalt zu schaffen, und der Abwanderung in die Stadt zu wehren. (Arusha Times 25.8.12)

Chance für Maasaifrauen

Ein US-amerikanisches Reiseunternehmen, Eigentümer des Enashive Nature Refuge im Serengeti-Ökosystem, richtete einen Markt ein, auf dem Maasaifrauen ihre Perlenarbeiten an Touristen verkaufen können.

Pro Tag nehmen sie bis zu 2.500 US$ ein. "Das Geschäft mit den Touristen erfreut unsere Familien. Unsere Ehemänner helfen uns und schätzen unsere Mühen, weil wir sie entlasten", berichtete eine Frau. Eine andere betont, die Maasaifrauen seien zu Broterwerberinnen aufgestiegen; sie überwänden die sie unterdrückende Tradition, die sie zur Hausarbeit verdamme. (Guardian 27.8.12)

Interessen der Maasai und die Verfassung

Lowassa, ehedem Premierminister, führte den Vorsitz bei einer zweitägigen Klausur traditioneller und religiöser Maasai-Verantwortlicher, bei der es u. a. um ihre Rolle bei der Entwicklung der neuen Verfassung ging. Lowassa sagte, man werde die Anerkennung und den Schutz ihres Landes und die Anerkennung als Viehhalter fordern. Die im Augenblick geltende Verfassung erkenne nur Landwirte und Bauern an. "Wir werden unseren Kollegen in Kenia, die dabei erfolgreich waren, nacheifern", betonte er. Nimmt man die Interessen und Probleme der Viehhalter in die neue Verfassung auf, könnten viele Landkonflikte zwischen Landwirten und Viehhaltern gelöst werden. Überall nähmen sie zu. (Citizen 2.9.12)

Vertreibung von Viehhaltern und Fischern

Mehr als 2.000 illegalerweise dort lebenden Viehhaltern und Fischern wurde ein Ultimatum gestellt. Bis 8. September müssen sie das Tal des Kilombero-Flusses (Morogo-ro-Region) verlassen. Es handelt sich um ein als Feuchtgebiet geschütztes Land. Millionen von Flüssen bilden dieses saisonale Frischwasser Tiefland. Es ist das größte in Ostafrika. Mehrfach hatte die Regierung gefordert, dass die Eindringlinge verschwinden, damit das Gebiet vor ökologischer Zerstörung bewahrt bleibe. Die Ausweisung wird von den Verteidigungs- und Sicherheitskomitees der beiden betroffenen Distrikte, Kilombero und Ulanga, ihren Einheiten gegen Wilderei und von Wildhütern durchgeführt. Ein Verantwortlicher sagte, man benötige einen Hubschrauber für die Überwachung der Aktion. Es sei genügend geschehen, um die Eindringlinge über die Notwendigkeit ihres Wegzuges zu informieren.

Man schätzt, dass es sich in dem Tal mehr als 8.000 Rinder und etwa 3.000 Ziegen gut gehen lassen. Viele Tiere und Pflanzenarten, deren Heimat hier ist, sind in Gefahr. Auch Landwirte, die Felder im Schutzgebiet angelegt hatten, müssen weichen, damit sich die natürliche Vegetation erholen kann.

Der District Commissioner des Kilombero-Distrikts sagte, die Ausweisung müsse sorgfältig vorbereitet werden, denn immer, wenn man sie bat, das Gebiet freiwillig zu verlassen, seien die Eindringlinge arrogant und bisweilen gewalttätig gewesen. Die Dorfbewohner hätten das Recht, bei ihren Treffen zu bestimmen, dass einige Eindringlinge mit einer kleinen Zahl von Rindern kleine Gebiete besitzen dürfen, vorausgesetzt, sie sind kooperativ und halten sich an die Vorschriften des Dorfes. Alle Tiere, die keine offizielle Kennzeichnung haben, sollen versteigert werden.

Schon 2005 hatte Präsident Kikwete die Verwaltung der Morogoro-Region angewiesen, die Viehhalter und ihr Vieh aus dem Tal auszuweisen. Der Vizepräsident betonte 2006, Viehhalter, die sich in Wildschutzgebieten niedergelassen hatten, müssten freiwillig weichen, notfalls gewaltsam vertrieben werden. (DN 3.9.12; Guardian 27./28.8.12)