Frauen – Unterdrückung und Reaktionen - 02/2014

Aus Tansania Information
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Gewalt gegen Frauen, Männer, Kinder

Die Umfrage zu Demographie und Gesundheit 2010 ergab, dass häusliche Gewalt zunimmt. Im nationalen Durchschnitt haben 44% der Frauen Gewalt erfahren; Am schlechtesten schnitt die Region Dodoma mit 70% ab. 10% der Frauen berichten, ihre erste sexuelle Erfahrung sei mit Gewalt verbunden gewesen. Nur 4,4% der gewaltsamen Übergriffe werden überhaupt angezeigt. Die Regierung plant, für solche Fälle ein beschleunigtes Verfahren einzurichten, um Verschleppung und hohe Kosten zu vermeiden. Das Frauen-Rechtshilfe-Zentrum hat eine Broschüre für Gewalt-Opfer herausgegeben.

Die Sprecherin einer Menschenrechtsorganisation gab bekannt, dass in der Kilimanjaro-Region Gewalt gegen Frauen und Kinder zunimmt, besonders im Landkreis Hai. Dort wurden 2012 363 Fälle angezeigt. Im Bereich Kilimanjaro gab es 122 schwangere Schülerinnen, einige davon durch Vergewaltigung. Landesweit war eines von drei Mädchen und einer von 7 Jungen sexueller Gewalt ausgesetzt. 70% aller 18-Jährigen haben irgendwann einen sexuellen Übergriff erlebt.

Im Parlament von Sansibar gab es eine hitzige Debatte über zunehmende Gewalt gegen Frauen und Kinder, sowie gegen Ausländer und touristische Einrichtungen. Einige Parlamentarierinnen forderten deutlich härtere Strafen, z.B. Kastration oder lebenslängliche Haft für Kinderschänder. Mehr als 200 Missbrauchsfälle seien angezeigt, aber weniger als 20 Täter verurteilt worden. Schuld daran seien veraltete Gesetze, ignorante und korrupte Polizisten und Desinteresse der Öffentlichkeit. In ländlichen Gegenden verhindern auch große Entfernungen zur nächsten Polizeistation eine Strafverfolgung.

Die Richterin am Hohen Gericht in Moshi, A. Nyerere, sagte zur Eröffnung der Aktionstage gegen geschlechterbedingte Gewalt, auch Männer litten unter psychischer und physischer häuslicher Gewalt; dies gelte in zwei von fünf Fällen. Öffentliche Diskussion der Probleme ermutige die Opfer, ihre Situation zu reflektieren, ihre Rechte zu verstehen und Hilfe zu suchen.

Die Polizeiinspektorin M. Maswa teilte mit, dass im Bereich Arusha gewaltsame Handlungen zwischen Frauen bis hin zu schweren Verletzungen und Mordanschlägen zunähmen. Hauptursache sei Eifersucht.

Eine Sprecherin der GEWE (Gender Equality and Women Empowerment; Projekt für Geschlechtergleichheit, von DANIDA - Dänemark gefördert) sagte, auf Sansibar hemmten auch abergläubische Vorstellungen die Verfolgung sexueller Übergriffe. So wurde ein Vater, der zwei Töchter missbraucht hatte, nicht verfolgt, weil er im Ruf stand, übernatürliche Kräfte zu besitzen.

DN 11.11.; 11.,16.12.13; 01.,09.01.14; Guardian 27.10.; 13.11.; 01.12.13; Citizen 25.1..13

Gegenmaßnahmen

Frauen- und Menschenrechtsorganisationen fordern

  • Aufklärung potentieller Gewaltopfer über ihre Rechte und Rechtsbeistand
  • Faire und zeitnahe Gerichtsverfahren
  • Geschützte Wohnungen oder Häuser für Gewaltopfer.

G. Lyimo, Vorsitzende des Frauen-Netzwerks der tansanischen Polizei (TPF-net) in der Kilimanjaro-Region, erläuterte die Bemühungen der Polizei, den Gewalt-Opfern zu helfen. Es gebe jetzt abgetrennte Räume, in denen diese in geschütztem Umfeld aussagen könnten. Das Polizei-Frauen-Netzwerk existiert auf allen Ebenen des Polizei-Dienstes. In der Kilimanjaro-Region kooperiert es mit mehreren zivilen Organisationen, z.B.

  • Kilimanjaro-Frauen gegen AIDS (www.kiwakkuki.org) – siehe auch S. 11 „Geschlechtergleichheit und Selbsthilfe“
  • Christlicher Verein junger Frauen (YWCA)
  • Aktion für gesellschaftliche Gerechtigkeit (www.ajiso.org/index.html)
  • Kilimanjaro-Frauenorganisation für Information, Austausch und Beratung (KWIECO www.kwieco.org)
  • Rehabilitation auf Gemeinwesen-Ebene“ (CCBRT Community Based Rehabilitation Programme; www.ccbrt.or.tz)
  • Zentrum für Straßenkinder (Mkombozi and Amani Centre for Street Children; www.mkombozi.org)
  • Gemeinwesen-Entwicklung (www.tusonge.org)
  • Netzwerk gegen Genitalverstümmelung (Network against Female Genital Mutilation – NAFGEM; www.nafgem.com)

Der Erste Vizepräsident Sansibars, Dr. Seif Hamad weihte ein von der EU finanziertes Frauenhaus („Nyumba Salama“) ein. Er forderte gleichwertige Erziehung für Jungen und Mädchen als Mittel gegen die zunehmende Gewalt. Mit Hilfe von „Save the Children International“ wurde das erste kinderfreundliche Gerichtsgebäude Sansibars eingerichtet. Kinder und andere bedrohte Personen können hier bei Prozessen durch Video-Übertragung ohne Einschüchterung aussagen.

Mit finanzieller Unterstützung der USA und Irlands wird die Regierung integrierte Zentren (One-Stop-Centres) für Opfer sexueller Gewalt einrichten. Damit soll die bisher übliche Verschleppung der Fälle abgestellt werden. Die stellvertretende Verfassungsministerin A. Kariuki versicherte, alle Gerichte erhielten Leitlinien für eine zügige und standardisierte Verhandlung von Gewalt-Fällen. Auch die bisher notorische Knappheit einschlägiger Formblätter bei der Polizei würde behoben. Bisher waren nur 4,4% aller bekannt gewordenen Fälle sexueller Gewalt gerichtlich verfolgt worden.

Der Innenminister Dr. E. Nchimbi kündigte einen Drei-Jahresplan an, nach dem jede Polizeidienststelle in der Lage sein soll, Anzeigen sexueller Gewalt gegen Erwachsene oder Kinder kompetent zu behandeln. Außer sensibilisiertem Personal soll dann jeweils ein Empfangs-, ein Beratungs- und ein Ruheraum zur Verfügung stehen. Damit soll den Opfern Gerechtigkeit widerfahren und die bisherige faktische Straflosigkeit derartiger Verbrechen überwunden werden. Man rechnet mit 12.000 Fällen jährlich. Die Polizeiführung identifizierte 6 Schwerpunktregionen mit häufigen Gewaltereignissen: Dar-Es-Salaam, Iringa, Kilimanjaro, Mara, Mbeya und Mwanza. M. Savale, Beraterin mehrerer Menschenrechtsorganisationen, äußerte Zweifel an der Realisierung der gut gemeinten Vorhaben: „Korruption ist bei der Polizei immer noch weit verbreitet. Das macht es schwer, zu glauben, dass die Gewaltfälle angemessen bearbeitet werden.“

DN 30.10.;26.11.13; 01.01.14; Guardian 01.12.13; Deutsche Welle 03.12.13

Weibliche Genitalverstümmelung

Mitte Dezember 2013 sprengte die Polizei eine FGM-Zeremonie (Female Genital Mutilation) im Landkreis Same. 21 Mädchen zwischen 3 und 17 Jahren waren verstümmelt worden. Eltern und Beschneiderinnen wurden festgenommen. Vier Mädchen mussten in ein Krankenhaus gebracht werden. Das Spezielle Gesetz gegen Sexualvergehen sieht sowohl für die Ausführenden als auch für die Erziehungsberechtigten schwere Strafen bis zu 15 Jahren Gefängnis vor.

Ein Sprecher des Ujamaa-Gemeinschaftskräfte-Teams in Arusha bedauerte, dass ethnische Gruppen wie Maasai, Iraq, Hadzabe und Wasonjo FGM nach wie vor heimlich praktizieren, ja sogar mit zunehmender Tendenz. Ursachen seien Armut, Bildungsferne und Dominanz der Alten. Unwissende meinen auch, bestimmte urogenitale Infektionen („lawalawa“) würden durch FGM geheilt.

Ein Bericht der UNICEF stellt fest, dass in Tansania 7,9 Mill. Frauen und Mädchen „beschnitten“ sind, d.h. 14,6% der weiblichen Bevölkerung (1996: noch 17,9%). Ein Rückgang wurde in fünf, eine Zunahme in vier Regionen beobachtet, besonders in Singida, wo heute 51% betroffen sind. Dort wird auch noch die extreme Form der Infibulation praktiziert.

Die Chadema-Abgeordnete E. Matiko beklagte mangelndes Engagement von Regierung und Behörden in der FGM-Frage. So sei das Gesetz über Kinderrechte von 2009 bis heute ohne Ausführungsbestimmungen geblieben. Daher blieben auch die eigens eingerichteten Polizei-Dienststellen wirkungslos. „Würden sie arbeiten wie vorgesehen, dann würden sich hilfesuchende Mädchen an sie wenden. Sie suchen aber meist Zuflucht bei den Kirchen“. Der Tansanische Christenrat (CCT) teilte mit, mindestens 500 Mädchen seien aus Angst vor FGM von zu Hause geflohen. Der Staat müsse das Anti-FGM-Gesetz entschlossen durchsetzen und die zivilen Organisationen finanziell fördern, um langfristig ein Umdenken zu erreichen, forderte die Abgeordnete.

Citizen 18.10.13; DN 09.,12.12.13; 10.01.14; Guardian 11.12.13; Sabahi 17.12.13; Alert-Net 21.12.13

Hintergrund

Die unterschiedlich schweren genitalen Verstümmelungen sollen Jungfräulichkeit bis zur Ehe sowie eheliche Treue sichern. Sie markieren den Übergang vom Mädchen zur Frau, verbunden mit eingehenden Unterweisungen zu Rechten, Pflichten und Fertigkeiten einer Ehefrau und Mutter. Die Befürworter der Operation sind überzeugt, dass ein Mädchen nur dadurch „gereinigt“ und wirklich erwachsen und heiratsfähig wird und damit auch einen guten Brautpreis einbringt. Daher wünschen sogar Frauen selbst den Eingriff für ihre Töchter. Aber auch gebildete Mütter finden sich oft in dem Dilemma, sich gegen eine sehr tief verwurzelte Tradition stellen zu müssen. Der Übergang zur modernen Auffassung individueller Grundrechte, die Vorrang vor den Ansprüchen der Gesellschaft haben, ist daher mit schweren Konflikten verbunden. Manche muslimischen Gruppen, die FGM praktizieren, halten dies auch von ihrem Glauben her für geboten.

DN 12.12.13; 10.01.14

Folgen der FGM

Anti-FGM-Gruppen nennen als Folgen der Genitalverstümmelung:

  • Frauen werden erniedrigt und ihrer Selbstbestimmung beraubt
  • Schwere psychosexuelle Probleme
  • Schulversagen und Abbruch der Schulbildung
  • Schock, Stress und starke, anhaltende Schmerzen
  • Gefahr des Verblutens oder von Blutvergiftung
  • Chronische Infektionen an Blase und Geschlechtsorganen
  • Infektion mit HIV-AIDS und Hepatitis
  • Komplikationen bei Geburt und Gefahr für Kinder bei und nach der Geburt

DN 09.,12.12.13;

Gegenmaßnahmen

Tansania hat die Konvention zur Beseitigung jeder Form von Frauendiskriminierung ratifiziert. Ebenso das Protokoll der Menschenrechts-Kommission über die Rechte der Frauen in Afrika. 19 von 28 FGM praktizierenden afrikanischen Ländern, darunter Tansania, haben Gesetze, die die Verstümmelung verbieten. Tansania beging auch 2013 den in Afrika eingeführten „Tag der Null-Toleranz gegenüber genitaler Verstümmelung“. Aktive Organisationen im Kampf gegen FGM sind:

  • Tansanisches Netzwerk für Geschlechtergerechtigkeit (Tanzania Gender Networking Program – TGNP (website im Entstehen)
  • Verband der tansanischen Anwältinnen (Tanzania Women Lawyers Association - TAWLA; www.tawla.or.tz)
  • Verband der sansibarischen Anwältinnen (Zanzibar Female Lawyers Association – ZAFELA; www.thrd.or.tz/member/11)
  • Kriseninterventionszentrum der tansanischen Medienfrauen (TAMWA's Crisis Resolving Centre – CRC; www.tamwa.org/crc).
  • 28 zu viel (28 Too Many – www.28toomany.org)
  • Neue Hoffnung für Mädchen (New Hope for Girls – www.newhopeforgirls.org)

Diese Organisationen führen in Zusammenarbeit mit Behörden in 10 besonders betroffenen Landkreisen ein Aufklärungsprogramm durch (Gender Equality and Women Empowerment Programme – GEWE II; s. auch oben: „Unterdrückung und Reaktionen“). Da die Operationen wegen des gesetzlichen Verbots im Verborgenen und von anatomisch Unkundigen ausgeführt werden, erhöhen sich Risiken und Komplikationen. Infolge des Verbots werden Mädchen heute oft bald nach der Geburt „beschnitten“, um den Vorgang geheim halten zu können.

Eine Sprecherin des Tanga Inter-African Committee - TIAC; www.netzwerk-raffael.org/Unsere-Partner) erklärte, neben allgemeiner Aufklärung sei es wichtig, den Beschneiderinnen alternative Verdienstmöglichkeiten zu erschließen. In 12 Fällen sei es in der Tanga Region gelungen, solche Frauen zur Aufgabe ihrer Praktiken zu bewegen.

In der Mara-Region suchten 420 Mädchen Zuflucht in dem katholischen Zentrum „Forum für Kinderwürde“ (www.cdftz.org) in Masanga/Tarime. Manche werden bei der Flucht sogar von ihren Eltern unterstützt, die ihnen das Ritual ersparen wollen, aber unter großem sozialen Druck stehen. Der Direktor des lokalen Kinderwürde-Zentrums erwartet bis zu 1000 flüchtige Mädchen. Manche können auch nach dem Ende der Beschneidungszeremonien nicht mehr nach Hause zurückkehren wegen der Gefahr, noch nachträglich verstümmelt zu werden. Die traditionellen Anführer der Kurya-Ethnie gaben bekannt, die Operation sei „modernisiert“ worden. Sie haben wegen der damit verbundenen Abgaben ein starkes wirtschaftliches Eigeninteresse, die Tradition zu fortzuführen.

DN 27.10.,09.11.,12.,29.12.13; Guardian 11.,29.12.13; Alert-Net 21.12.13