Thema: Kirchen und Religionsgemeinschaften in Tansania: Gesellschaftliches Engagement der Religionsgemeinschaften – 01/2020

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Sozial- und Wirtschaftspolitik

Eine gemeinsame Kommission von BAKWATA, CCT und TEC erstellte ein Buch über ein Konzept sozialer Marktwirtschaft für Tansania: „Social Market Economy Model for Tanzania :Towards Inclusive and Sustainable Economic Development“. Das SMET genannte Modell lehnt sich an deutsche und skandinavische Vorbilder an. Es will die Fehler der Planwirtschaft und die Exzesse des ungeregelten Marktes vermeiden („uchumi chotara“). Zentral seien Chancengleichheit, Förderung Benachteiligter und Teilhabe Aller an Planungen und Entscheidungen. Als Leitbegriffe werden genannt: Solidarität, Subsidiarität, offene Märkte mit freiem Wettbewerb, Staatliche Regelwerke. Rahmenbedingungen müssten transparent und verlässlich sein, Medien unabhängig und verantwortungsbewusst. Dieses Modell stellt einen Gegenentwurf dar zum derzeit deutlichen Übergewicht des Staates, etwa bei Kreditaufnahme, Investitionsvolumen und behördlichen Regelungssystemen.

„Brot für die Welt“, „World and Africa Platform for Social Protection“ und skandinavische Kirchen empfahlen bei einer Arbeitstagung zum Thema „Soziale Sicherung“, der Staat solle Schutzsysteme für finanziell Schwache wie Arme, Kinder und Alte aufbauen, um der zunehmenden sozialen Ungleichheit entgegenzutreten. Einzelne Regionen bieten schon günstige Bedingungen für eine Krankenversicherung: TZS 120.000 pro Jahr für eine sechsköpfige Familie. Andere gewähren Über-70-Jährigen und Waisen eine Gratis-Versicherung.

Der „Interreligiöse Ständige Ausschuss für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ stellte fest, 68% der Bevölkerung hätten keinerlei Krankenversicherung. 28% könnten sich auch auf Dauer keine leisten. Tansania solle hier Abhilfe schaffen. Dies sei auch möglich, wenn das Land, wie in der Abuja-Erklärung versprochen, 15% des Haushalts für das Gesundheitswesen vorsähe (derzeit 10%).

Der Ausschuss untersuchte auch den Bergwerkssektor und die Steuererhebung. 2017 seien z.B. Staatseinnahmen von TZS 7 Bill. / € 2,7 Mrd. durch Steuererlass, Kapitalflucht und Steuerhinterziehung verloren gegangen, ein Mehrfaches des Gesundheitsbudgets.

Der CCT schult Ausbilder für sein Projekt „Kirchen und Gemeinden Mobilisieren“ (CCMP). Der vom britischen Tearfund finanzierte Prozess will Kirchengemeinden befähigen, soziale Probleme zu erkennen und zusammen mit Betroffenen zu lösen. Bisher arbeiten vor allem anglikanische und mennonitische Gemeinden mit diesem Konzept, ferner die ELCT-Iringa-Diözese.

Citizen 10.07.19; Guardian 07.03.; 16.08.19; Mtanzania 15.07.19; www.cct-tz.org 10.10.18; www.researchgate.net, dort SMET Model; www.tearfund.org

Sexualität und Missbrauch

Der Erzbischof von Mwanza R. Nkwande sagte in einem Firmungsgottesdienst, der Egoismus der jungen Generation führe zum Geburtenrückgang. Manche hätten nur drei Kinder und begründeten dies mit hohen Lebenshaltungskosten. Besonders verwerflich sei die Verhütung mit Medikamenten. Westliche Touristen besuchten Tansania nicht etwa, um Tiere zu bewundern, sondern, um sich an den vielen Kindern zu erfreuen, da es bei ihnen kaum noch welche gäbe.

Nkwande forderte die Katholiken auf, gegen Abtreibung und Homosexualität ebenso entschlossen zu kämpfen wie ihre Vorfahren um ihre Unabhängigkeit gekämpft hätten. Diese Übel seien die moderne Form des Kolonialismus und sollten die afrikanischen Länder schwächen.

Der 2. Vizepräsident Sansibars betonte, Familienplanung mit „natürlichen“ Methoden sei für Muslime akzeptabel und geboten. Bisher akzeptierten erst 14% der Frauen eine Geburtenplanung, trotz einer 20-jährigen Aufklärungskampagne der Regierung.

Der CCT lud 300 Frauen zu einer landesweiten Konferenz ein unter dem Thema „Tansania ohne Geschlechterdiskriminierung ist möglich“. Geschlechtsbezogene Gewalt resultiere aus überholten kulturellen Traditionen, Aberglauben, Unwissenheit, Ehekonflikten und Alkoholmissbrauch. Der CCT lancierte die Kampagnen „Baba Bora“ (Vorbildlicher Vater) und „Tamari“. Letztere bietet biblische Vorbilder wie Tamar zur selbstbewussten Auseinandersetzung mit Gewaltproblemen an.

Bishof Dr. F. Shoo (ELCT) zeigte sich besorgt darüber, dass immer mehr christliche Ehen zerbrächen. Das Eheversprechen werde zu leicht genommen und die Trauung verkomme zu einer Parade der Kleider. Die Pfarrer/innen müssten daher Heiratskandidaten intensiver beraten.

Kirchen-Sprecher forderten bei einem Seminar des „Tanzania Ending Child Marriage Network“ eine Rückbesinnung auf nationale Werte, die Frauen und Mädchen gegen häusliche und geschlechtsspezifische Gewalt schützten.

Der katholische Bischof von Musoma M. Mzonganzila lehnte in einem Firmungsgottesdienst Kondome zur AIDS-Vorbeugung ab. Sie führten zu Unzucht und vermehrter Ansteckung, besonders bei Frauen.

Im Siha-Distrikt, Kilimanjaro-Region sollen zunehmend Fälle von Geschlechtsverstümmelung an weiblichen Babys im Rahmen christlicher Tauffeste auftreten. Trotz hoher Strafandrohung (15 Jahre Haft) würden immer noch 10% der Kinder verstümmelt.

Islam-Vetreter aus der Lindi-Region beklagten die zunehmenden Kinder-Schwangerschaften. 2019 seien 565 unter-18-jährige Mütter bekannt geworden, davon 43 Grund- und 108 Sekundarschülerinnen. Ursache sei die Diskriminierung von Frauen und Mädchen. Sie könnten sich kaum wehren und müssten daher besonders geschützt werden.

Die Imame der Mbeya-Region forderten in einer Resolution an die Regierung, Männer, die Schülerinnen schwängerten oder vergewaltigten, zu kastrieren. Die bisher angedrohte Strafe (30 Jahre Haft) schrecke die Täter nicht genügend ab. Der Polizeichef der Region erklärte, traditionelle Heiler behaupteten, man komme durch Vergewaltigung Minderjähriger zu Reichtum. Das Hauptproblem seien jedoch die Eltern betroffener Kinder, die die Vorfälle gegen Bezahlung vertuschten.

Die Vereinigung der Imame auf Sansibar richtete ein Ehe-Kolleg für Heiratswillige ein. Der dreimonatige Kurs soll Toleranz, Gesprächsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein fördern. Häufigste Konfliktursache seien Misstrauen und Verdächtigungen wegen des Gebrauchs von Mobiltelefonen.

Ein führender Scheich auf Sansibar verurteilte Gewalt gegen Kinder und homosexuelle Handlungen, die unter dem Vorwand der Anpassung an globale Tendenzen Eingang fänden. Der Mufti von Tansania, A. Zubeiry forderte alle regionalen Scheiche auf, energisch gegen Homosexualität („ushoga“) aufzutreten. Sie sei in einem ehrbaren Land wie Tansania inakzeptabel.

Der Chef der Katavi-Region bat die Religionsvertreter, gegen abergläubische Vorstellungen aufzutreten, die immer wieder zu Morden führten. Die Geistlichen forderten die Regierung auf, alle traditionellen Heiler ohne Lizenz am Praktizieren zu hindern.

Citizen12.05.; 30.06.19; DN 24.10.; 21.11.18; 20.02.; 23.10.; 05.12.19; Guardian 22.04.; 27.12.19; Mtanzania 29.07.19; Mwananchi 20.11.18; 06.10.; 10.12.19; cct-tz.org 16.09.18

Jugend: Gefährdungen, Bildung

P. Kardinal Pengo verurteilte die Alkoholexzesse junger Leute, die sogar während der Arbeitszeit stattfänden. Er bat die Regierung, energisch dagegen vorzugehen.

Die katholische Kirche führte im Rombo-Distrikt, Kilimanjaro-Region eine Fasten- und Gebetswoche für die junge Generation durch. Viele hätten keine Arbeit und verfielen dem Alkoholkonsum. Dies ginge so weit, dass sogar Verheirate keine Kinder hätten und sich auf kriminelle Aktivitäten einließen. Im Distrikt gibt es 52 Sorten selbstgebrauter Alkoholika.

Ein anglikanischer Pfarrer in Kibaha drohte, er werde dafür beten, dass alle jungen Leute, die in Hotels Ehebruch begingen, an ihrer Matratze kleben bleiben und mit ihr herumlaufen müssten.

Der katholische Erzbischof von Dodoma ermahnte die Jugendlichen, ihre Computerkenntnisse nicht für Betrügereien über das Internet anzuwenden.

Die katholische Mädchen-Sekundarschule in Kibosho, Kilimanjaro-Region feierte ihr 50-jähriges Bestehen. Die Schule habe seit ihrer Gründung durch den legendären Joseph Babu viele prominente Frauen hervorgebracht und das Verständnis für Mädchenbildung gefördert.

Die „Sisters of Mary“, eine Kongregation von philippinischen Nonnen, eröffnete eine Sekundarschule für arme Mädchen im Kisarawe-Distrikt, Küstenregion. Kardinal Pengo sagte bei der Einweihung, die katholische Kirche habe bisher viele Seminarschulen für Jungens betrieben, nun werde sie Mädchen fördern.

Die ELCT-Norddiözese gründete in Monduli das „Institut für Technologie, Unternehmertum und Kooperativen“ MITEC. Es soll Jugendlichen aus halbnomadischen Gemeinschaften praktische Fähigkeiten für selbständige Berufe vermitteln.

Bischof A. Malasusa (ELCT-Küstendiözese) schlug vor, die Gebärdensprache in allen Schulen als Lehrfach einzuführen. Sie wird bisher nur in Sonderschulen für Hörbehinderte verwendet.

Bischof A. Cheyo von der Moravischen Kirche rief Eltern auf, ihre Kinder gewaltfrei zu erziehen. Auch in Schulen müsse die Prügelstrafe abgeschafft werden.

Citizen 21.,28.03.19; DN 23.10.18; 14.10.19; Guardian 28.12.18; 29.04.19, Habari Leo 27.12.18; Mwananchi 30.09.18; 27.12.19

Gesundheit

Das Kilimanjaro Christian Medical Centre (KCMC) feierte sein 48-jähriges Bestehen. Das vor zehn Jahren eingerichtete Forschungs- und Ausbildungsinstitut KCRI bietet in Zusammenarbeit mit dem Kilimanjaro Christian Medical University College vier Master-Studiengänge an. Die chirurgische Abteilung führte seit 2005 800 laparoskopische Operationen durch. Demnächst wird das KCMC ein Herz-Institut aufbauen. Das KCMC-Krebszentrum (CCC) führte in Arusha ein kostenfreies Krebs-Screening durch. Es will seine Vorbeuge-Untersuchungen demnächst in allen Distrikten der Kilimanjaro-Region anbieten.

Das lutherische Haydom-Krankenhaus (HLH, Manyara-Region, seit 1955) bat die Regierung, ihre Kostenbeteiligung (bisher 19%) zu steigern. Nur so könne das HLH seine Dienste mit qualifizierten Kräften weiterführen. Die Norwegische Luth. Kirche werde ihre Subvention von 65 auf 25% der anfallenden Kosten reduzieren. Das Hospital hat 420 Betten und 680 Mitarbeitende.

Die „Tanzania Interfaith Partnership“ (BAKWATA, CCT, TEC) entwickelt mit UNICEF ein gemeinsames WASH-Programm (Wasser – Sanitär – Hygiene) für Kinder. Es soll die häufigen Durchfallerkrankungen verringern, die vor allem für Kleinkinder lebensgefährlich sind. WASH will die Bevölkerung motivieren, Fäkalien und Abfälle hygienisch zu entsorgen und sicheres Trinkwasser zu nutzen.

Präsident Magufuli forderte bei der Einweihung eines Krankenhauses der „Christlichen Erweckung“ die kirchlichen Gesundheitseinrichtungen auf, Bedürftigen Kosten zu erlassen. Auch Jesus habe Kranke umsonst geheilt.

Die christliche „Water Mission Tanzania“ konstruierte zusammen mit einer dänischen Firma eine solarbetriebene Wasserversorgung im Flüchtlingslager Nyarugusu und benachbarten Dörfern. Die Anlagen sollen auch als Vorbild dienen für moderne, netzunabhängige Versorgungssysteme.

DN 10.12.18; 08.03.; 26.12.19 Guardian 06.03.; 28.10.19; Mwananchi 02.05.19; www.haydom.or.tz; www.unicef.org/wash

Landwirtschaft, Frauen

CCT und anglikanische Dodoma-Diözese schufen im Kongwa-Distrikt eine bewässerte Fläche von 40 ha. Sie wird von einem Tiefbrunnen mit 18.000 l pro Stunde bewässert und von einer Bauern-Kooperative betrieben.

TEC, CCT und BAKWATA schulten in einem gemeinsamen Seminar etwa 100 Frauen, um sie zu politischem Engagement zu ermutigen. Frauen seien weniger an Führungsaufgaben interessiert, weil sich Politiker oft lieber selbst bereicherten als der Gesellschaft zu dienen. Mehr weibliche Führungspersonen würden aber politische Prozesse versachlichen und Konflikte entschärfen. Effektive Entwicklung könne nicht gelingen, wenn die Hälfte des Volkes nicht mit-entscheiden könne.

DN 04.09.19; Guardian 04.09.19; www.cct-tz.org 11.11.19;