Lage, Spannungen in Sansibar - 07/2012

Aus Tansania Information
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Lob für GNU

Bei einer Kundgebung sagte Sansibars Präsident Dr. Ali Mohamed Shein, der Regierung der Nationalen Einheit (GNU) sei es seit ihrer Gründung im November 2010 gelungen, Frieden und Ruhe zu bewahren. Einmütig habe das aus Ministern der CCM und der CUF, der weitaus größten Oppositionspartei, bestehende Kabinett die nationalen Interessen in den Vordergrund gestellt. Das könne ein Vorbild für andere Nationen sein. (Guardian 19.4.12)

Gegner der Union

Seit Wochen machen Anti-Unions-Gruppen bei Kundgebungen Stimmung gegen die Union. Drei Scheichs betonten, Sansibar benötige Autonomie, ehe über die passende Struktur der Beziehung zwischen Sansibar und Tanganyika diskutiert werden könne.

Die Islamic Lectures and Revival Community of Zanzibar startete eine Kampagne, um Unterschriften für ein Referendum zur Union zu sammeln. Eine mit anderen muslimischen Einrichtungen und Organisationen entworfene Unterschriftenliste für je 20 Namen wurde auf den Inseln Pemba und Unguja (Sansibar) verteilt. (DN 28.4.12; Citizen 1./4.5.12)

Eine Gruppe, die sich 'Sansibarer verwerfen die Union' nennt, drängte die Abgeordneten des Parlaments von Sansibar ein Referendum über die Union zwischen Tansania-Festland und Sansibar zu fordern. Auch andere Gruppen, vor allem religiöse, fordern die Sansibarer auf, standhaft gegen die Union zu opponieren, sich auch von der Kommission, die die Bevölkerung bezüglich der Veränderung der Verfassung der Union befragt, fern zu halten. Die religiöse Organisation Uamsho <swah. Erweckung> predigte bei vielen Kundgebungen gegen die Union. (DN 21/22./24.4.12; Citizen 25.4.12)

Am 26./27.5.12 erlebte Sansibar die schlimmsten Unruhen seit der Revolution im Jahr 1963. Es begann, als Jugendliche der Uamsho zu einer Polizeistation zogen, um gegen die Verhaftung eines ihrer führenden Leute, eines Geistlichen, zu protestieren. Plötzlich gingen sie gegen Kirchen vor, steckten drei in Brand und verwüsteten Geschäfte, vor allem die der Festlandtansanier; Transport- und Kommunikationssysteme wurden beschädigt und Straßen mit schweren Gegenständen blockiert.

Die Polizei setzte Tränengas und Warnschüsse ein. 30 Personen wurden verhaftet. Die Polizei sucht nach weiteren Verdächtigen.

Die Unruhestifter behaupten, sie verteidigten die Interessen des Islam.

Die Uamsho bestreitet eine Beteiligung an der Zerstörung der Kirchen. "Der Islam ist eine Religion des Friedens. Niemals wird er jemanden Kirchen zerstören lassen", betonte ein Uamsho-Verantwortlicher. Bei ihren Kundgebungen werde ein Referendum gefordert. Man kämpfe für die Autonomie Sansibars. An den wirtschaftlichen Problemen und dem moralischen Verfall sei auch die Struktur der Union schuld. Der Leiter der Uamsho erklärte, seine Gruppe fordere ein unabhängiges Sansibar. Er werde nicht ruhen, bis das erreicht sei und dafür sorgen, dass der Prozess zur Erneuerung der Verfassung scheitere. Für die Unruhen sei die Uamsho nicht verantwortlich, betonte er. (DN 28./29./30.5./16.6.12, Guardian 30.5./2.6.12; Citizen 29.5.12)

Mit Tränengas trieb die Polizei Mitglieder der Uamsho auseinander, als sie von Fahrzeugen zu einer Moschee gebracht wurden. Dort forderten sie in einer Reihe von Versammlungen, dass sich Sansibar von der Union trennt.

Allgemein sind die Sansibarer dagegen, dass die Moschee für politische Aktionen verwendet wird. (Arusha Times 16.6.12)

Bei einem offenen Treffen des Innenministers mit Geistlichen, Journalisten, Tourismus-Vertretern und Botschaftern, ging es um die Frage, wie die den Frieden Sansibars und ganz Tansanias bedrohenden Konflikte beendet werden könnten. (Guardian 29.5.12; Citizen 29.5.12)

Reaktion der Regierung Sansibars

Sie verbietet illegale Versammlungen. Weder auf Foren noch in Vorlesungen, auch nicht hinter religiösen Vorhängen, dürfe über politische Fragen diskutiert werden. Zur Stärkung von Ordnung und nationaler Einheit würden zuwiderhandelnde Personen verhaftet. Für Demonstrationen und Versammlungen müsse eine Genehmigung beantragt werden.

Die Kirchen würden rund um die Uhr bewacht. Täglich werde die Polizei bei Kirchen und anderen Orten patrouillieren. Die Christen sollten geduldig sein. Tansania sei ein säkularer Staat. Alle Religionsgruppen genössen Religionsfreiheit. Die Regierung versicherte, Touristen und Einwohner insgesamt seien sicher. Der Aufruhr sei unter Kontrolle. Die internationale Presse habe übertrieben. (DN 31.5.12; Guardian 30./31.5./1.6.12)

Dr. Shein, Präsident Sansibars, traf sich in Dar-es-Salaam mit dem von Präsident Kikwete einberufenen National Security Council.

Danach sagte er bei einer Pressekonferenz, die Regierung begutachte den erlittenen Schaden und werde helfen. Das Christentum sei nicht neu in Sansibar. Die erste Kirche Ostafrikas sei 1844 auf einem von einem muslimischen Chief angebotenen Grundstück errichtet worden. Er wundere sich, dass Leute, die ein Referendum zur Union fordern, Kirchen in Brand stecken. Sie hätten mit der Union nichts zu tun. Außerdem schade das dem Tourismussektor; Ihm seien 80 % der Devisen zu verdanken. Shein sagte, Minister würden mit den führenden Leuten der Uamsho über die möglicherweise negativen Folgen ihrer Aktivitäten sprechen. Premierminister Pinda äußerte sich sehr besorgt über die Aktivitäten der Uamsho. (DN 1./14.6.12; Guardian 1.6.12; Citizen 30./ 31.5.12)

Ein Regierungsvertreter versicherte, man schränke religiöse Veranstaltungen nicht ein. Er dankte den Christen, dass sei ruhig blieben. (Guardian 31.5.12; Citizen 30.5.12)

Muslimische Anmerkungen

Tansanias Oberster Scheich sagte bei einer Pressekonferenz, der jüngste Aufruhr in Sansibar, der dazu führte, dass Kirchen in Brand gesteckt wurden, könne langfristige Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen haben, unterlässt man konkrete Maßnahmen, um die beiden Religionsgruppen zusammenzubringen. Die Regierung solle eine unabhängige Sonderkommission bilden, die aus Vertretern der Kirchen, der Regierung und Mitgliedern der Uamsho-Gruppe besteht und untersucht, was zu diesem Chaos führte. Danach sollten die Anstifter zur Rechenschaft gezogen werden, egal, ob sie einen führenden Posten in einer Partei, einer religiösen Organisation oder der Regierung inne haben. Der National Muslim Council (BAKWATA) sei absolut gegen Aktionen, die religiösen Hass erzeugen. Man sei überzeugt, dass hinter den jüngsten Hooligans steckten.

Ein Scheich betonte, das interreligiöse Komitee, das es früher gab, solle wieder eingerichtet werden. (Guardian 31.5.12; Citizen 30.5./7.6.12)

Reaktion der Kirchen

Die Bischöfe Sansibars baten um eine Audienz beim Präsidenten Sansibars oder einem seiner beiden Stellvertreter. In ihrer Erklärung heißt es, die Regierung hätte die wiederholten Angriffe auf Kirchen verhindern können. Seit 2001 seien in Sansibar etwa 25 Kirchen in Brand gesteckt worden, ohne dass jemand dafür bestraft worden sei. Die Christen Sansibars lebten in ihrem eigenen Land als Bürger zweiter Klasse.

In einer Erklärung von drei führenden Kirchenleuten heißt es, die Gläubigen lebten in Angst. Es gebe einen Plan, alle kirchlichen Gebäude, incl. Schulen und Gesundheitszentren, zu verwüsten. Alle Christen, auch die aus Sansibar stammenden, sollten verschwinden. (Guardian 31.5./ 2.6.12; Citizen 30.5.12)

Bischof Kilaini warnte vor Leuten, die die Religion benützten, um zum eigenen Vorteil Zwietracht zu säen. (DN 15.6.12)

Reaktionen von Parteien

Die Jugendorganisation der CCM (UVCCM) forderte die Regierung auf, alle ausländischen Elemente zu entlarven, von denen man glaubt, sie forderten die Menschen auf, die Auflösung der Union zu fordern.

In einer Erklärung der Jugendorganisation der CUF (JUVICUF) heißt es, wenn einige Leute Kirchen in Brand stecken und Eigentum der Bevölkerung vernichten, verstoße das gegen unsere Kultur und die Gesetze des Landes. Alle, die dahinter stecken, sollten verhaftet und verurteilt werden. (DN 5./7.6.12)

Verantwortliche der CCM und vier weiterer Oppositionsparteien vermuten, Glieder der Einheitsregierung hätten Kontakte zur Uamsho. Sie fordern, dieser die Zulassung zu entziehen, denn ihre Aktionen seien das Gegenteil von der Verbreitung des Islam. Außerdem werde sie vom Ausland unterstützt. (DN 16.6.12)

Interviews

Auf dem Festland leben mehr Sansibarer als umgekehrt. Sie kritisieren die Kampagne von Extremisten, die die Union von Sansibar und Tanganyika zerbrechen wollen. Einer sagte, die Vorgänge schadeten den Sansibarern, die auf dem Festland investierten. "Wir sollten die Chance der Verfassungserneuerung nutzen und unsere Meinung sagen."

Ein anderer betonte, es sei unsinnig, in Sansibar lebende Leute vom Festland zu bedrohen, so dass sie in großer Furcht leben.

Menschen beider Seiten lebten viele Jahre in Harmonie beieinander, erklärte einer. (Guardian 5.6.12; Citizen 10.6.12)

Die Einwohner von Pemba unterstützen das Bestreben der Uamsho, die Union zu zerbrechen, nicht. Einer sagte, viele Jugendliche und Geschäftsleute von Pemba hängen vom Markt des Festlandes ab. "Ich persönlich will, dass die Union floriert, weil sie uns nützt. ich habe viel auf dem Festland investiert. Wir besitzen dort Häuser, Felder, Läden und Kleinbetriebe."

Einer riet den führenden Religionsleuten, bei ihrer Rolle zu bleiben, statt sich in Politik einzumischen.

Eine Frau aus Pemba berichtete: "Meine beiden Kinder, die auf dem Festland leben, schicken mir jeden Monat Geld." Wenn die Union aufgelöst ist, werden die Sansibarer die Inseln aufteilen, erwartet sie; Pemba und Unguja werden Souveränität fordern. (Guardian 5./8.6.12; Citizen 10.6.12)

Kommentar

Weder Christentum noch Islam sind die Hauptfeinde Sansibars. Die Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem. Die deshalb herumhängenden Jugendlichen sind eine Zeitbombe. Können sie nicht eingestellt werden, verschreiben sie sich der Zerstörung. (DN 2.6.12)