Bildungswesen ‐ 06/2022

Aus Tansania Information
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Schulreform

Die Regierung kündigte an, das Schulsystem zu reformieren. Bildungsminister Adolf Mkenda erklärte im Parlament, dass das jetzige System keine Abgänger hervorbringe, die in der Lage sind, nach der Schule auf eigenen Beinen zu stehen. Firmen würden sich darüber beschweren, dass Schulabgänger nicht den Anforderungen des Arbeitsmarktes genügen. Er forderte alle Beteiligten auf, sich in die laufende Diskussion über die nötigen Reformen wie Änderung der Lehrpläne, die Lehreraus- und Fortbildung, notwendige bauliche Veränderungen und Arbeitsmittel einzubringen. Es müsse jetzt der größte Umbau des Schulsystems in der Geschichte des Landes erfolgen. Er nannte dabei auch Vorschläge zur Ausdehnung der allgemeinen Schulbildung auf 10 Jahre von der jetzigen siebenjährigen Schulpflicht.

Citizen 11.05.22

Schülerinnenschwangerschaften in Shinyanga

In den vergangenen 2 Jahren sind allein in der Region Shinyanga mehr als 300 Schülerinnen aus den Grund- und Sekundarschulen wegen Schwangerschaft ausgeschieden. 29 weitere schieden wegen Eheschließung aus. Dies wurde aus einer Regionaltagung des Nationalen Komitees zur Bekämpfung des Kindesmissbrauchs berichtet. Die Verwaltungschefin der Region Shinyanga würdigte die Arbeit des Komitees, die dazu beigetragen habe, Shinyanga von seinem unerfreulichen Spitzenplatz in der Statistik von Kinderheiraten und Teenagerschwangerschaften auf den 5. Platz zu bringen. Weiterhin seien aber traditionelle Sitten und Gebräuche ein Hindernis auf dem Wege zu weiterer Verbesserung.

Guardian 12.05.22

Rückgang der Schülerinnenschwangerschaften im Süden

Die Schulabbrüche wegen Schwangerschaft sind in den südtansanischen Regionen deutlich zurückgegangen. Während im Jahr 2019 noch 5.398 Schülerinnen der Sekundarstufe (Kl. 8-13) wegen Schwangerschaft ausschieden, waren es im Jahr 2020 nur noch 4.543, also 855 weniger.

Dies hat eine kontroverse Debatte über die Ursachen ausgelöst. Vertreterinnen von Organisationen, die sich für Mädchenrechte einsetzen, freuen sich, dass das Bewusstsein in der Gesellschaft für die Wichtigkeit von Mädchenbildung zunimmt und sehen im Rückgang der Schwangerschaften ein Anzeichen dafür. Regierungsvertreter sehen im Rückgang einen Erfolg des Bauprogramms für Schülerinnenwohnheime, das Mädchen in ländlichen Bereichen stundenlange Schulwege erspart, die nach landläufiger Meinung einen häufigen Anlass für Schwangerschaften darstellen.

Aus einer anderen Blickrichtung wird die Veränderung kritisch gesehen. Die Gesundheitsbehörde TMDA zeigt sich besorgt, dass Verhütungsmittel in großem Umfange illegal verkauft werden. Das Mittel Depo-Provera (ein Gestagenwirkstoff) wird weithin auf den Straßen gehandelt und intramuskulär gespritzt. Das Mittel ist 3 Monate wirksam. Ein Sprecher der TMDA in Südtansania deutete an, dass der Rückgang der Schulverweise wegen Schwangerschaft mit diesem Medikamentenmissbrauch zu tun haben könne.

Mwananchi 25.05.22

Regionalsprachen in der Schule?

In einer gemeinsamen Studie des Dar es Salaamer Linguistikprofessors Gastor Mapunda mit Kollegen von der Universität Essex vergleichen die Autoren die Sprachenpolitik in Tansania, Sambia und Botswana. Sie kritisieren die Vernachlässigung der ca. 150 Regionalsprachen in Tansania. Die Sprachenpolitik des Landes ist in verschiedenen Erlassen und Positionspapieren festgelegt. Die meisten dieser Stellungnahmen ignorieren vollständig die Existenz der Regionalsprachen. In der Praxis werden darüber hinaus diese Sprachen aus allen Bereichen offizieller Kommunikation ausgeschlossen. Die Autoren verweisen auf ein Verbot der Staatlichen Rundfunkaufsicht, regionale Sprachen im Radio zu benutzen, da man dies für gefährlich hält. Im Schulen werden die regionalen Sprachen gar nicht verwandt.

Aus der Sicht der Autoren ist diese Politik eine Ursache für die schlechten Resultate im Bildungswesen des Landes. In vielen ländlichen Gebieten sind nach wie vor die Regionalsprachen im Alltag vorherrschend. Hier begegnen Kinder dem Swahili erstmals in der Schule. Die Autoren werteten die landesweiten Prüfungen nach Klasse 4 und 7 in der Region Tabora aus, wo Sukuma und Nyamwezi die vorherrschenden Sprachen sind. Im Distrikt Nzega trafen sie eine Schule an, wo die Hälfte der Schülerinnen und Schüler die 4. Klasse wiederholen musste.

Gerade in ländlichen Gebieten weisen laut Studien viele Schülerinnen und Schüler am Ende der Schulpflicht in der 7. Klasse noch die Lese- und Ausdrucksfähigkeiten von Zweitklässlern auf und könnten auch einfache Fragen nicht beantworten. Ihnen habe offenkundig das Lernen ausschließlich in Swahili nicht weiterhelfen können. In einer Reihe von afrikanischen Ländern werden in den ersten Schuljahren überwiegend die Regionalsprachen verwandt, um Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen zu legen. Dabei scheinen die Lernerfolge deutlich besser als in den genannten tansanischen Beispielen zu sein.

Die UNESCO befürwortet seit Jahren die überwiegende Verwendung der Muttersprache in der Primar- und mit geringerem Anteil auch in der Sekundarschulbildung.

Global Voices 11.02.22

Andrang auf die Oberstufe

Das staatliche Schulsystem kann nicht alle Schüler aufnehmen, die sich nach den derzeit geltenden Regeln für die Aufnahme in die Oberstufe qualifiziert haben. Laut Minister Bashungwa betrifft dies 14.254 Schülerinnen und Schüler, die nach ihren Abschlüssen in der Form IV (11. Schuljahr) eigentlich in der Oberstufe (A-Level, Schuljahre 12+13), Pädagogischen Hochschulen oder Berufsschulen weiterlernen dürften. Für 14.254 war dies aus Mangel an Plätzen im staatlichen System nicht möglich, während 153.219 weiterkamen.

Rund 90.000 von ihnen wurden in die Form V an 499 Sekundarschulen aufgenommen. 1.880 erhielten einen Studienplatz in technischen Fachschulen, 2.294 machen eine Ausbildung im Gesundheitssektor, ca. 9.000 beginnen eine Ausbildung an pädagogischen Hochschulen (in Tansania steht dieser Bildungsweg Absolventen der Klasse 11 offen) und 49.000 machen eine berufspraktisch-technische Ausbildung. Guardian 13.05.22

Rückkehr der jungen Mütter

Im vergangenen Jahr kehrten 3.333 junge Mütter wieder in eine Sekundarschulbildung zurück, die sie wegen einer Schwangerschaft hatten verlassen müssen. Der verstorbene Präsident Magufuli hatte 2017 angeordnet, dass schwanger gewordene Schülerinnen auf Dauer aus den Schulen auszuschließen sind. Dies hatte internationalen Druck auf Tansania zur Folge, wobei vor allem die Weltbank mit der Blockade eines vorhergesehenen Darlehens für den Bildungssektor die Regierung zu Verhandlungen bewegen konnte. Präsidentin Samia änderte einige Monate nach ihrer Amtsübernahme die Regeln. Nunmehr dürfen die jungen Mütter innerhalb von 2 Jahren nach ihrem Ausscheiden an eine Sekundarschule zurückkehren. Alternativ besteht die Möglichkeit, im Rahmen der Erwachsenenbildung die Prüfungen für Form I-IV innerhalb von 2 Jahren abzulegen. Die Regierung verpflichtete sich auch dazu, die bisherigen Pflichttests auf Schwangerschaft an Mädchenschulen nicht mehr einzusetzen.

Die Weltbank gab ein zweckbestimmtes Darlehen von $ 500 Mil. frei. Mithilfe dieser Mittel wurden 14 Einrichtungen der Erwachsenenbildung für die Zielgruppe der jungen Mütter teils neu gebaut, teils renoviert.

Guardian 11.05.22

Lehrer und Leistung

Leistungszulagen für Lehrer werden von diesen befürwortet und wirken sich positiv auf den Unterrichtserfolg aus. Die Twaweza Stiftung stellte Ergebnisse eines Unterrichtsprojektes vor, in dem Lehrer zusätzliche Zahlungen erhielten, wenn sie Schüler erfolgreich durch Prüfungen in der Grundschule brachten. Das Projekt heißt KiuFunza, eine Kurzform für “Kiuu cha Kujifunza” (Lerndurst). Es wurde begonnen, nachdem mehrere Untersuchungen des Bildungssystems niederschmetternde Ergebnisse erbracht hatten. Aus einer Studie der Weltbank im Jahr 2011 ging hervor, dass damals nur 3% der Grundschulen mit sauberem Wasser und Elektrizität versorgt waren, die Klassengrößen in den ersten Schuljahren um die 100 Schüler waren, viele Lehrer abwesend waren und auch von den anwesenden Lehrern nur die Hälfte tatsächlich im Klassenzimmer war, sodass Kinder effektiv nur an 2 Stunden pro Tag Unterricht vom Lehrer hatten. Untersuchungen der Twawezastiftung ergaben in jüngerer Zeit, dass weniger als ein Drittel der Drittklässler einen Text des Niveaus der 2. Klasse verstehen oder das Rechenniveau der 2. Klasse beherrschen.

Twaweza hatte 350 staatliche Grundschulen in 10 Distrikten ausgesucht. In 210 Schulen wurde mit Geldanreizen gearbeitet, 140 weitere Schulen wurden zum Vergleich nur beobachtet. Bei den Schulen wurde mit drei verschiedenen Anreizen gearbeitet: Eine Gruppe von Schulen erhielt einen Zuschuss von TSh 10.000 pro Schüler, der für Schulbedarf ausgegeben werden konnte (Bücher, Lehrmaterial wie Kreide und Tafeln, Kopien, Kleinreparaturen). Bei einer weiteren Gruppe wurde mit individuellen Zuschüssen für Lehrer gearbeitet. In ihren Klassen 1-3 waren für sie Tests in den Fächern Rechnen, Englisch und Swahili vorbereitet worden, die sich an den Lernzielen des offiziellen Lehrplans orientierten. Für jeden Schüler, der einen Test bestand, erhielt der Lehrer einen als “bakshishi” bezeichneten Bonus von TSh 5.000 (ca. € 2). Wenn er mehrere Fächer unterrichtete, konnte er also pro Schüler TSh 15.000 erhalten. Um die Schulleiter kooperativ zu stimmen, erhielt auch jeder Schulleiter einen Betrag von TSh 1.000 pro bestandenem Test. In einer dritten Gruppe von Schulen wurden der Grundzuschuss an die Schule mit den individuellen Boni kombiniert.

Die Pauschalzuschüsse an Schulen bewirkten keine Verbesserung der Testergebnisse. Anders war es mit den Boni, die nach den Testergebnissen gezahlt wurden. Hier ergab die Auswertung, dass die Schüler der getesteten Klassen im Schnitt um 3 Monate weiter im Lernerfolg waren. Die teilnehmenden Lehrer befürworteten das Bonussystem mit großer Mehrheit.

Chanzo 05.05.22, Twaweza.org